31.5.26

Die Piraten von Penzance – Volksoper, 2.5.2026

Große Erwartungen

Meine erste Produktion von Pirates of Penzance war Sasha Regans komplett männlich besetzte Produktion, wofür ich unendlich dankbar bin. Diese Produktion, die ich 2018 in Wilton’s Music Hall in London gesehen habe, war unglaublich bunt und gleichzeitig intim, ging eher in Richtung Musical als Operette und hat sich überhaupt nicht ernst genommen. Beim ersten Foreman-Song im 2. Akt muss es mir an diesem Abend ein paar Synapsen durchgebrannt haben, denn meine Erinnerung an die Ereignisse auf der Bühne setzt erst gegen Ende des Stücks wieder ein – dazwischen kann ich mich nur an endloses Gelächter von mir und den anderen Theaterbesucher:innen erinnern. Das war bis dato der lustigste Theaterabend meines Lebens. 

Inzwischen habe ich natürlich auch den Film aus 1983 mit Angela Lansbury und Kevin Kline (der sich ganz einfach auf YouTube finden lässt) sowie eine Produktion der English National Opera gesehen. Der Film nimmt das Material ebenfalls nicht sonderlich ernst – man siehe unter anderem die Sighing softly to the river-Szene, in der die Piraten unter Wasser singen – aber da er sich trotzdem an die klassisch verteilten Gender-Rollen aus dem 146 Jahre alten Stück hält, gibt es darin einige Szenen bei denen ich mich als Frau unwohl fühle. 

Die Produktion der English National Opera, die ich erst letztes Jahr im London Coliseum gesehen habe, war eine durchgehend klassische Opern-Produktion. Natürlich wurden die Originaltexte von W.S. Gilbert verwendet; die linguistische Witz, der sozio-politische Humor und die vielen Plot-Twists gingen also nicht verloren. Zudem war es ein Genuss für mich, endlich den kompletten Score live mit vollem Orchester zu hören. Aber Opern-Produktionen sind nun einmal wesentlich steifer als Musical-Produktionen und das fand ich im Vergleich zu meiner bisherigen, total übergedrehten Erfahrung mit Pirates of Penzance doch etwas fad.

Was wäre also für mich die perfekte Produktion von Pirates of Penzance in Wien? Eine Produktion, die sich nicht sonderlich ernst nimmt, vor allem die Frauenrollen modernisiert, gerne ein paar aktuelle sozio-politische Themen einfließen lässt und mich trotzdem die Musik von Arthur Sullivan und die besten Originaltexte von W.S. Gilbert genießen lässt. Klingt unmöglich? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Die Rahmenhandlung in der Volksoper

Bei der Produktion von Pirates of Penzance in der Volksoper gibt es eine Rahmenhandlung in der der interimistische Direktor der Volksoper (Marcel Mohab) die Urenkelinnen von Gilbert und Sullivan (Lucy Hopkins und Petra Massey) an die Volksoper einlädt, um die Originalproduktion von 1880 endlich hier auf die Bühne zu bringen. Falls es nicht gleich zu Beginn klar ist, dass der Direktor mit dieser Operetten-Produktion endlich das konservative Publikum in die Volksoper zurückholen möchte, gibt es im 2. Akt eine Schimpftirade, in der er sich u.a. über Frauen in Hosen, die Konkurrenz mit der Staatsoper, die Polizisten in den Fischkostümen und die “Bauern” in den Rängen der Volksoper aufregt. (Das hat mich daran erinnert, dass ich bei Spamelot im Salzburger Landestheater von Uwe Kröger einmal als “Pöbel” bezeichnet worden bin, haha.)

Da fragt man sich, warum der Direktor dann ausgerechnet zwei Frauen damit beauftragt, Pirates of Penzance an der Volksoper zu inszenieren. Natürlich geht das alles nicht nach seinem Plan und am Ende des Abends wird er mit einer Piratenkanone quer durchs Opernhaus geschossen. 

Ich hatte ursprünglich befürchtet, dass es durch diese Rahmenhandlung zu vielen Unterbrechungen und Kürzungen des Originalmaterials kommen würde, aber diese halten sich glücklicherweise in Grenzen. Die Urenkelinnen nutzen ihre Zeit auf der Bühne, um durch die Handlung von Pirates of Penzance, die ja “famously complex” ist, zu führen. Sie unterbrechen dafür aber keine Songs und ich habe mich durch ihre Auftritte am Ende von ausgewählten Szenen nicht aus der Show gerissen gefühlt. Generell werden jegliche Unterbrechungen der Originalhandlung gegen Ende des Abends ohnehin immer weniger.

Der Humor in der Rahmenhandlung schwankt von okay bis zu ein wenig aufreibend. Den wiederkehrenden Streit der Urenkelinnen von Gilbert und Sullivan über ihre Deutschkenntnisse und die ausgedehnte Suche des Direktors nach seiner Referentin (die er nicht mehr findet, weil sie plötzlich ein Piratenkostüm anhat) hätte man durchaus kürzer halten können. Auch braucht das Stück durch die Vorstellung des Direktors und der Urenkelinnen am Anfang ein bisschen Zeit, bis es in Gang kommt und bis man überhaupt erst die wunderbare Ouvertüre von Pirates of Penzance zu hören bekommt. Klar, man wollte von Anfang an kommunizieren, dass das keine klassische Produktion dieser Operette ist, aber wenn man ein Fan der Musik ist, dann sitzt man die ersten 10 Minuten bei dieser Produktion schon ein wenig auf heißen Kohlen.

Update des Originalmaterials

Die ganze Piratencrew besteht ausschließlich aus Frauen und die Rolle des Pirate Kings – oder besser: der Piratenkönigin – übernahm am 2.5.2026 Katia Ledoux. Die Dirigentin Chloe Rooke hat für diese Produktion die Stimmlage der Piraten auf die von Piratinnen angehoben und die Partitur ist somit an vielen Stellen eine Oktave höher als das Original. Die Machtdynamik im Stück bleibt dennoch die gleiche: Keine Charaktere machen extra darauf aufmerksam, dass die Crew von Katia Ledoux ausschließlich aus Frauen besteht und die Polizisten fürchten sich am Schluss genauso vor den Piratinnen, wie sie sich in anderen Produktionen vor Piraten gefürchtet haben. Ein wunderbarer Nebeneffekt von diesem Gender-Swap ist die offene Liebe, die die Piratinnen der von Frederic zurückgelassenen Ruth (Johanna Arrouas) entgegenbringen. Die Szene zu Beginn des Stückes, in der die Piraten der Originalproduktion ursprünglich versuchen, Ruth – die einzige Frau in ihrer Crew – loszuwerden, gibt es einfach nicht mehr.

Um gleich bei Ruth zu bleiben: Die ist in dieser Produktion aus der Schweiz, spricht nur Schweizer-Deutsch, und manchmal singt sie es auch, wie zum Beispiel in der gänzlich neu geschriebenen Version von When Frederic was a little lad. In der Originalversion wird in diesem Lied erklärt, dass Frederic (Timothy Fallon) ein “pirate” wurde, weil seine Nanny Ruth “hard of hearing” ist und die von seinem Vater kommende Anweisung, ihn zu einem “pilot” ausbilden zu lassen, missverstanden hat. In der Produktion der Volksoper hingegen verwechselt die aus der Schweiz stammende Ruth die “Privat”-Schule mit der “Pirat”-Schule. 

Das führt auch gleich zum gelungenen textlichen Update von Oh false one, you have deceived me, dessen Originalinhalt aus 1880 im 21. Jahrhundert nur schwer ohne aufgerollte Fingernägel niederzuschreiben ist, weshalb ich mich auf die Beschreibung der Version der Volksoper beschränken möchte: In dieser Szene malt Ruth für Frederic eine paradiesische Zukunft, wenn er nur mit ihr in die Schweiz zieht, um dort ihre Nichte Heidi zu heiraten. Danach könnten sie ihre Zeit damit verbringen, Teilchen zu beschleunigen und sich gegenseitig Uhren zu schenken. No notes.

Die nächste spannende textliche Herausforderung hat sich Jennifer Gisela Weiss, die für die Textadaption zuständig ist, mit der kompletten Übersetzung der über die Grenzen der Operettenwelt hinaus berühmten Nummer I am the very model of a modern Major-General gestellt. Ich müsste mir diese Version öfter anhören, um ein paar Textzeilen daraus wiedergeben zu können und mir eine generelle Meinung zum neuen Text bilden zu können, aber das Ganze ist auf alle Fälle mit viel Lokalkolorit gemacht und die Szene erntet großen Applaus. Jakob Semotan, den ich in dieser Produktion aufgrund des weißen Haupt- und Barthaars visuell kaum erkannt habe, bringt das Ganze erwartungsgemäß famos und gut verständlich über die Bühne. 

Tja, und hier hört es mit den kreativen Übersetzungen der Texte und Updates der Originalhandlung auf, soweit ich mich erinnern kann. Eine Ausnahme im 2. Akt ist die halb gesungene, halb gesprochene Enthüllung von Frederics Alter in Paradox, die ebenfalls noch ins Deutsche übersetzt worden ist. Alle anderen Liedtexte waren auf Englisch. Darüber beschwere ich mich als Fan vom Originaltext natürlich nicht, aber die ganze Produktion hat für mich ein bisschen den Eindruck, als hätte man zu Beginn versucht, die Texte zu übersetzen und die Handlung des Originalstückes upzudaten, und das dann aber nach etwa drei Songs aufgegeben. Stattdessen hat man sich auf die Auflockerung des Originalmaterials durch die Rahmenhandlung fokussiert. Möglicherweise wäre der ursprüngliche Ansatz einfach zu aufwendig gewesen.

Eine verpasste Gelegenheit, eines der besten Wortspiele von Gilbert auch in der Version der Volksoper einzubauen, ist meiner Meinung nach das Übergehen des Missverständnisses zwischen dem Major-General und dem Pirate King, bei dem es im Original darum geht, ob die Piraten jemals davon gehört hätten “what it means to be an orphan”. Das endet in einem Schlagabtausch darüber, ob der Pirate King die Frage entweder mit “orphan”, “often” oder am Ende gar mit “often, frequently, only once” beantwortet hat. Grundsätzlich ist eine Anlehnung an das hier zugrundeliegende phonetische Missverständnis auch in der Version der Volksoper eingebaut: Hier fragt der Major-General die Piratenkönigin, ob sie jemals davon gehört habe, “was es bedeutet Waise zu sein”. Aber danach wird das Thema nicht weiter verfolgt und der Major General beginnt gleich mit der nächsten Gesangsnummer, Oh men of dark and dismal fate. Schade, dass wir um den legendären Schlagabtausch aus dem Original umgefallen sind, egal ob auf Englisch, mit den stets verfügbaren zweisprachigen Übertiteln bei dieser Produktion, oder in einer gänzlich neuen, deutschen Version.

Das Ende

Das Ende des Abends weicht ebenfalls von der Originalversion von Pirates of Penzance ab und das hat damit zu tun, dass die vorletzte Gesangsnummern gekürzt worden ist. In der Originalversion löst sich alles in Wohlgefallen auf, als klar wird, dass die Piraten “all noblemen who have gone wrong” sind. Es ist verständlich, dass hier ein anderes Ende hermusste, weil es für ein nicht-anglophiles Publikum möglicherweise umständlich zu erklären gewesen wäre, dass Gilbert sich mit den folgenden Schlussworten des Major-Generals über die englische Aristokratie lustig gemacht hat: “No Englishman unmoved that statement hears, because, with all our faults, we love our House of Peers.”

In der Produktion der Volksoper hat hingegen Queen Victoria selbst einen Auftritt und erklärt, wie es nun mit den einzelnen Charakteren weitergeht: Frederic und Mabel z. B. ziehen nach Berlin und eröffnen eine Sauna. Bei dieser Voraussage musste ich mich schon ein wenig am Kopf kratzen, aber zu diesem Zeitpunkt ist das Stück ja ohnehin bereits im Slapstick-Chaos versunken (ähnlich wie das Ende von Sondheims A Funny Thing Happened on the Way to the Forum), deshalb kann man die Sinnsuche hier getrost aufgeben.

Unterbrochen wird die Ansprache von Queen Victoria vom durch dem Kanonenflug zerzausten Direktor, der nach Poor wandering one, der originalen Abschlussnummer von Pirates of Penzance, zum Kraken mutiert und alle, die sich in der Reichweite seiner Tentakeln befinden, mit ins Meer nimmt. Es ist ein absurd-lustiges Ende, aber ich bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, dem Direktor, nachdem er in der Piratenkanone verschwunden ist, noch einmal eine Bühne zu geben und quasi sehr provokativ darauf hinzuweisen, dass er der “villain” der Story ist, der am Ende alle in den Abgrund reißt. Weil, wenn es eine ganze Kompanie der Volksoper, bestehend aus 30-50 Leuten, nicht schafft, sich den Wünschen eines konservativen Direktors entgegenzustellen, wo kommen wir denn dann hin.

Davon abgesehen ...

Von den ganzen Neuerungen abgesehen, die teilweise gewöhnungsbedürftig waren, habe ich es geliebt. Die Szenen mit den Originalliedern sind nicht so tränendrückend lustig wie jene in meiner heißgeliebten Produktion von Sasha Regan, aber auch keineswegs so steif wie jene in der letztjährigen Produktion der English National Opera. Auf diesem schmalen Grad wäre ich auch mit einer Präsentation des reinen Originalmaterials glücklich gewesen, aber ich schätze den Versuch der Volksoper, die teilweise verstaubte Originalversion aufzupeppen und bin dankbar für alle unerwarteten Dinge, die mich an diesem Abend zum Lachen gebracht haben. 

Ich werde diese Produktion in der nächsten Saison sicher noch einmal besuchen und freue mich jetzt schon darauf. Because it is, it is a glorious thing to be a pirate king!

Schlussapplaus mit Chloe Rooke am 2.5.26