Nun ist das amerikanische Musical-Phänomen Hamilton endlich auch in Wien angekommen, wenn auch in ganz anderer Form als erwartet: Maria Theresia, die neueste Eigenkreation der VBW bedient sich einer Vielzahl von Elementen aus Hamilton und anderen Stücken, die in der Musical-Welt gerade sehr erfolgreich sind. Dadurch ist ein Potpourri aus vielen verschiedenen Musikstilen und Story-Elementen entstanden, die manchmal mehr, manchmal weniger gut eingesetzt wurden, um die Lebensgeschichte von Maria Theresia in musikalischer Form zu erzählen. Trotz einiger Schwächen tritt bei dem knapp drei Stunden langen Musical keine Langeweile auf, da die Besetzung atemberaubend ist und die Choreographie, das Bühnenbild sowie die Beleuchtung im Ronacher wieder für eine mitreißende Show sorgen.
Vielvölker-Musical
Es fallen aber nicht nur musikalischen Anklänge an andere Musicals auf, sondern auch bestimmte Figuren und Erzählelemente, wenn nicht sogar ganze Szenen, die von diesem Einfluss geprägt sind. Zum Beispiel erinnert Fabio Diso (großartig als Maria Theresias Gemahl Franz Stephan) mit seiner ersten Nummer im Stil von Dancing Through Life stark an Fiyero aus Wicked, der das Leben nicht so ernst nimmt und ständig nur Unruhe stiften möchte. Moritz Mausser als Maria Theresias politischer Gegner Friedrich von Preußen hingegen gleicht zeitweise eher einer Frollo-Figur und hat im ersten Akt eine Solo-Nummer, die inhaltlich sowie visuell an Feuer der Hölle aus Der Glöckner von Notre Dame angelehnt ist.
Am auffallendsten ist und bleibt aber der starke Einfluss von Hamilton: Szenen vom Krieg mit Preußen erinnern visuell an Stay Alive und Yorktown; und die Kabinettssitzung, in der die junge Maria Theresia das Kabinett davon zu überzeugen versucht, sie als Kaiserin anzuerkennen (Sie kann’s nicht – eine der besten Nummern in Maria Theresia), ähnelt den Cabinet Battles in Hamilton. Sogar das Bühnenbild mit seinen verschiebbaren Treppen scheint von diesem Musical inspiriert zu sein. Der Höhepunkt dieser Referenzen ist allerdings das Finale von Maria Theresia, das eine so offensichtliche Anspielung auf bestimmte Elemente aus Hamilton ist, dass ich bei meinem Musicalbesuch unfreiwillig lachen musste: Erstens wurde die Choreographie in dieser Szene quasi direkt aus It’s Quiet Uptown übernommen und zweitens ist die Aufzählung von Maria Theresias Taten im Finale zweifellos von der Aufzählung von Hamiltons Taten in Who Lives Who Dies Who Tells Your Story inspiriert.
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| Schlussapplaus 12.10.2025 |
Ich sage nicht, dass diese vielen deutlich erkennbaren Einflüsse an sich schlecht sind oder dass die oben erwähnten Elemente in Maria Theresia alle nicht gut eingesetzt wurden. Wenn man sich allerdings ein bisschen mit Musicals auskennt, dann bekommt man schnell den Eindruck, dass sich das Kreativ-Team von Maria Theresia sehr stark auf die Erfolgsformeln von anderen, bereits weltweit erfolgreichen Musicals verlassen hat und dass sie entweder keine Verve oder keine Zeit hatten, sich selbst etwas völlig Neues zu überlegen. Und das ist schon schade, weil die VBW in der Vergangenheit ja bereits mehrmals ihr Talent für innovative Neuproduktionen mit internationalem Erfolg beweisen konnten (wie z. B. bei Elisabeth).
Maria Theresia und Elisabeth
Dass es bei Maria Theresia auch einige Allusionen auf das österreichische Erfolgsmusical Elisabeth gibt, war zu erwarten, schließlich handelt es sich hier um ein weiteres VBW-Musical über eine österreichische Kaiserin. Bei den Elisabeth-Referenzen (wenn man sie denn so nennen möchte) in Maria Theresia handelt es sich großteils um Handlungsfäden bzw. bestimmte Szenen, zu denen man leicht Pendants in Elisabeth findet. Um nur eine Handvoll Beispiele zu nennen:
- Wie Elisabeth möchte Maria Theresia wie ihr Vater leben, was inhaltlich zwar stark an Wie du aus Elisabeth erinnert, uns aber die stilistisch wesentlich dramatischere und großartige Nummer Jeder Mensch muss seine Grenzen kennen zwischen Maria Theresia und ihrem Vater Karl VI. im 1. Akt von Maria Theresia beschert.
- Wie Franz Joseph und Elisabeths Krönung zu König und Königin von Ungarn zu Beginn des 2. Akts von Elisabeth findet auch in Maria Theresia eine Krönung an genau derselben Stelle im Musical statt – hier ist es eben die Krönung Franz Stephans zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.
- Wie Elisabeths Sohn Rudolf ringt auch Maria Theresias Sohn Joseph um die Aufmerksamkeit seiner Mutter und gleichzeitig um politische Unabhängigkeit von der Kaiserin. Zudem hat mich ein weiterer Teil von Josephs eigenem kleinem Handlungsbogen im 2. Akt inhaltlich an Franz Josephs Bruch mit seiner Mutter Erzherzogin Sophie in Ist das nun mein Lohn aus Elisabeth erinnert.
- Wie bei Franz Joseph in Elisabeth sind auch bei Franz Stephan im 2. Akt von Maria Theresia Affären mit anderen Frauen angedeutet. Daraufhin folgt in Maria Theresia ein etwas schnulziges Liebesduett, das thematisch und sogar textlich an Boote in der Nacht aus Elisabeth erinnert. (Welches der zwei Liebesduette von Maria Theresia und Franz Stephan das besagte Lied im 2. Akt ist, kann ich jetzt allerdings nicht mehr nachvollziehen, da der Konflikt um die Affären Franz Stephans ohne weitere Folgen recht schnell aufgelöst wird und sich deshalb nicht wirklich eingeprägt hat.)
Man könnte diese Liste noch fortführen, ich möchte allerdings betonen, dass ich trotz dieser vielen Ähnlichkeiten nicht das Gefühl hatte, dass man hier dezidiert versucht hat, „Elisabeth 2.0“ auf die Bühne zu bringen – schon alleine deshalb nicht, weil diese beiden Musicals einen komplett anderen Unterton haben. Ich sehe den Großteil der Ähnlichkeiten zwischen Maria Theresia und Elisabeth eher als unausweichlich, da es in den 57 Jahren zwischen Maria Theresias Tod und Elisabeths Geburt einfach keine Möglichkeit gab, die jahrhundertealten Gesellschaftsstrukturen, in der die beiden Frauen gefangen waren, aufzubrechen. Beide Frauen hatten zentrale Rollen in derselben Dynastie und mussten deshalb ähnliche Hürden überwinden, um ihre Ziele zu erreichen – erst bei den Zielen, die sie zu erreichen wünschten, gab es freilich große Unterschiede.
Let’s talk about Friedrich.
Friedrich, der Bösewicht
Friedrich von Preußen, der kurz nach der Kaiserkrönung Maria Theresias mit seinem Heer in ihr Reich einfiel und viele Jahre ihrer Herrschaft mit Krieg überschattete, ist im Musical der Erzfeind der Kaiserin. Bereits in der Eröffnungsnummer wird er als Bösewicht vorgestellt – das mag jetzt plump klingen, aber das ist die beste Bezeichnung für Friedrichs Rolle in diesem Musical. Friedrich ist nicht nur derjenige, der im Musical wiederholt mit Maria Theresia Krieg führt, sondern auch die Person, die im Hintergrund Intrigen gegen die Kaiserin spinnt, wann immer gerade nicht ihre Beziehung zu ihrem Mann oder zu ihren Kindern im Vordergrund steht.
Einige wichtige Ereignisse im Leben der Kaiserin werden sogar aus Friedrichs Sicht erzählt, wodurch er zeitweise der Figur des Lucheni aus Elisabeth ähnelt. Allerdings endet die Geschichte bei Maria Theresia wesentlich weniger dramatisch als das Aufeinandertreffen von Elisabeth und Lucheni: Friedrich unterzeichnet im großen (ähem) Höhepunkt des Musicals ohne großes Zögern den von Maria Theresia unterbreiteten Friedensplan, trotz der bitteren Animosität zwischen den beiden Figuren. Ich kann mich beim besten Willen leider nicht einmal mehr an das Duett erinnern, das diese etwas maue Szene begleitet. Somit gelangt man etwas ernüchtert ans Ende des dünnen roten Fadens, dem man seit Friedrichs erstem Auftritt in der Eröffnungsnummer folgt.
Wesentlich spannender als die sehr plötzliche Auflösung dieses jahrzehntelang schwelenden Konflikts, sind die vorangehenden Szenen in denen sich Friedrich und Maria Theresia gegenseitig Albträume über den Untergang ihres jeweiligen Reiches bescheren (wieder eine Ähnlichkeit mit Elisabeth), die Szenen, in denen angedeutet wird, dass Friedrich über eine Verbindung zum von Maria Theresia vernachlässigtem Joseph ihre Pläne ausspioniert (von diesem spannenden Handlungsfaden hätte ich mir mehr gewünscht) und die Szenen, in denen Friedrich mit sich und seinem Platz in der Welt hadert.
Um diese Facetten Friedrichs gut porträtieren zu können, wurden Friedrich einige der musikalisch besten Nummern in Maria Theresia zuteil. In seiner Solo-Nummer Dass ich liebe hasse ich im 1. Akt gesteht er sich (und dem Publikum) sein Verlangen nach mehr Macht ein und rechtfertigt dieses durch sein persönliches Verständnis von Rechtschaffenheit und die Ausweglosigkeit seiner Lebenssituation. Das Lied ist ein klassischer Bösewicht-Song, in dem Moritz Mausser als Friedrich von Preußen erwartungsgemäß triumphiert und sich den wahrscheinlich stürmischsten Applaus im 1. Akt einholt.
Großes Lob
Nach diesen etwas schwierigen Themen und weniger gelungenen Seiten von Maria Theresia, möchte ich in diesem Abschnitt endlich nahezu uneingeschränkt loben. Generell ist mir bei der Show trotz ihrer beachtlichen Länge von 2:55 h nicht langweilig geworden. Ja, die Liebesduette im 2. Akt sind beim ersten Musicalbesuch ein wenig ineinandergeflossen und das Finale war etwas antiklimaktisch, aber die positiven Aspekte haben bei Maria Theresia trotzdem überwogen. Ich war u.a. wieder begeistert vom Bühnenbild und von der Beleuchtung, wie schon bei Rock Me Amadeus, das letzte Saison noch im Ronacher gelaufen ist. Einige Elemente des Bühnenbilds sind auch eindeutig von Rock Me Amadeus inspiriert und scheinen teilweise sogar in etwas anderer Verkleidung für die aktuelle Musicalproduktion übernommen worden zu sein (hier der Link zu meinem Bericht über Rock Me Amadeus).
Aber zurück zum Lob: Ich weiß gar nicht, wie ich meine Begeisterung über die Besetzung in Worte fassen soll. Dieses Musical anzuschauen lohnt sich schon alleine wegen der Besetzung. Nienke Latten in der Titelrolle ist fantastisch und bekommt aus gutem Grund wahre Applaus-Stürme bei ihrer besten Solo-Nummer Ist viel jemals genug im 2. Akt in Maria Theresia. Weiteren begeisterten Applaus für die starken Frauen in diesem Musical bringt auch die gleich darauffolgende Nummer Wir alle sind M.T. ein, in der Nienke Latten, Annemieke van Dam und Annemarie Lauretta (als Kaiserin Elisabeth Christine) gemeinsam mit dem Ensemble das gesamte Publikum mitreißen können.
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| Nienke Latten, Schlussapplaus 12.10.2025 |
Aber neben den Hauptdarsteller:innen ist auch das Ensemble bis in die hinterste Ecke mit starken Stimmen besetzt. Da Maria Theresia bekanntlich viele Kinder hatte, gibt es in diesem Musical viele Solo-Momente für Ensemble-Mitglieder. Alle diese Sänger:innen konnten am 12.10.2025 ausnahmslos überzeugen, was aber nicht weiter verwunderlich ist, da sich das Ensemble wieder aus vielen energiegeladenen Darsteller:innen zusammensetzt, die in anderen VBW-Stücken bereits mit großem Erfolg Hauptrollen gespielt haben. Ich freue mich schon darauf, diese Stimmen wieder zu hören und auch die spannende Zweitbesetzung der Hauptrollen zu sehen!
Allfälliges
Das Finale
Es ist mir nicht ganz klar, worum es im letzten Lied in Maria Theresia geht. Wie bereits erwähnt, werden zu Beginn der letzten Nummer Maria Theresias Taten in Hamilton-Manier aufgezählt. Im Refrain des Liedes geht es dann aber plötzlich darum, dass es wichtig ist, den Augenblick zu nutzen, damit man (dem Songtitel gemäß) Im Hier und Jetzt seine besten Taten vollbringen kann. Die klare Botschaft, dass es wichtig ist, seine Zeit im Hier und Jetzt zu nutzen, ist im Musical bis zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht erwähnt worden und fühlt sich deshalb zusammenhanglos an. Beim Finale von Maria Theresia fehlte mir deshalb vor allem nach dem etwas antiklimaktischen Höhepunkt mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags auch noch die Endorphin-Ausschüttung, die ein Musical-Finale üblicherweise mit sich bringt. Vielleicht macht das Ganze aber mehr Sinn, wenn die Aufnahme des Musicals erscheint und man sich alle Liedtexte genauer anhören kann.
Die besten Plätze
Wie schon bei Rock Me Amadeus ist es sehr zu empfehlen, im Parkett, in den mittleren Logen im 1. Rang oder im Mittelblock im 2. Rang zu sitzen, da sich sehr viel auf der hinteren Rückwand der Bühne abspielt und man einige spektakuläre Projektionen und Bühnenbilder verpassen wird, wenn man im 1. oder 2. Rang am Rand sitzt und schräg auf die Bühne hinabschauen muss. Um die ganze Vielfalt des prachtvollen Bühnenbilds und des fabelhaften Lichtdesigns genießen zu können, würde ich einen Platz mittig im 1. Rang empfehlen, damit man von dort auch sehen kann, wie der spiegelnde Bühnenboden die Bilder auf der Bühne noch zusätzlich beeinflusst.
Technisches Probleme im 2. Akt
Bei meinem Musicalbesuch am 12.10.2025 gab es kurz nach Beginn des 2. Akts einen Showstop, weil die Technik gestreikt hat und ein Teil des Bühnenbilds, das von der Decke herunterkommen sollte, nicht aufgetaucht ist. In der darauffolgenden 5-10-minütigen Unterbrechung habe ich von meiner Sitznachbarin erfahren, dass das auch schon bei der Premiere am 10.10.2025 passiert ist. Ich hoffe, dass dieses Problem inzwischen dauerhaft behoben ist. Die Unterbrechung war nicht unangenehm, da der 2. Akt zu diesem Zeitpunkt noch keinen richtigen Flow entwickelt hatte, aber wenn es mehrere Abende in Folge einen Showstop gibt, dann kann das für alle Personen, die an dieser ohnehin schon langen Show beteiligt sind, kein Spaß sein.
Design der Werbeartikel
Ich finde es fürchterlich, dass auf allen Werbeartikeln von Maria Theresia (Programmheft, Merchandising-Artikel, Plakate, etc.) eine Figur zu sehen ist, die ich auch nach dem Besuch des Musicals überhaupt nicht mit Maria Theresia verbinde. Nicht einmal das Kostüm dieser (AI-generierten?) Figur spiegelt auch nur ansatzweise das Musical wider. Ich hoffe, dass man sich noch die Zeit und das Geld nimmt, neue Werbeartikel zu gestalten, auf denen Nienke Latten und eines der spektakulären Kostüme aus dem Musical abgebildet sind.














