16.2.18

Thomas Borcherts Tanz der Vampire Dernière, Ronacher

„Seid ihr......bereit?“

War die Vorstellung von Tanz der Vampire am 15.02.2018 im Wiener Ronacher nun wirklich die letzte mit Thomas Borchert in der Rolle des Graf von Krolock?
Ganz genau kann das außer Thomas Borchert wohl niemand sagen, auch wenn auf seiner Homepage im letzten Jahr die offizielle Meldung erschien, dass er diese Rolle "in Wien das letzte Mal und danach nie wieder" spielen würde. Aber vielleicht will es auch einfach der begeisterte Grafen-Fan noch nicht wahrhaben, dass dies das Ende einer Ära ist.
Eine Ära, die 2003 begonnen hat: in dem Jahr, in dem Thomas Borchert erstmals die besagte Rolle übernahm – und im Lauf des letzten Jahrzehnts hat er sie unbestreitbar maßgeblich geprägt.
Kleines Beispiel: Wo wären wir heute ohne die Idee, dass wir die "KETTEN" die wir in der Unstillbaren Gier nicht mehr loswerden, frei variieren können? Ich weiß nicht, ob der ursprüngliche Einfall, diesen kurzen Part so pointiert anders als er geschrieben wurde zu singen, von Thomas Borchert kam, aber auf alle Fälle hatte die neue Gesamtaufnahme von Tanz der Vampire (Ronacher 2009), bei der er diese freie Variation voll und ganz ausgenutzt hat, einen fundamentalen Einfluss auf alle deutschsprachigen Produktionen, die ich seither gesehen habe.
Thomas Borcherts Variier-Freudigkeit bekommt man in jeder Minute, die er auf der Bühne steht, zu hören und zu sehen. Für die letzten Produktionen von Tanz der Vampire, bei denen er die Grafenrolle übernommen hatte, hat er sich zusätzlich zu seinen schon länger bestehenden Ideen für die musikalische Interpretation noch ein paar kleine Extras überlegt, wie z.B.:
  • das "Nichts" in Gott ist tot ("wenn ich dich rufe, hält dich nichts mehr zurück") mit tiefer Stimme auf die durchdringendste Art und Weise zu sprechen statt zu singen, was bei mir jedes Mal für einen unglaublichen "Gänsehautmoment" gesorgt hat.
  • mit ähnlich großer Wirkung die "Sicherheit" in Einladung zum Ball ("doch du hast immer schon geahnt, dass ihre Sicherheit ein großer Schwindel war") mit triefender Verachtung und unglaublichem Spott auszusprechen (statt zu singen), was dem Charakter des Grafen mit einem Schlag zusätzliche Tiefe verliehen hat.
  • bei Vor dem Schloss nach "von der Krankheit der Traurigkeit kann es keine Erlösung geben" einige perfekt bemessene Momente in Gedanken versunken ins Leere zu starren und sein eigenes Leid mit einem seelen-zerreißenden Seufzer zu beklagen.
  • die plötzliche Entlarvung der Sterblichen während der Tanzszene in Tanzsaal mit einem knochentrockenen "Soso..." zu kommentieren.
Diese Beispiele zeichnen nur ein kleines Bild dieser facettenreichen Rolle, die Thomas Borchert Abend für Abend für sich und vor allem für sein Publikum neu zu entdecken schien bzw. neu erfand.
Das letzte Beispiel beweist für mich nur allzu deutlich, wie gekonnt Thomas Borchert hier seine Begabung als wandelbarer Künstler in dieser Rolle eingesetzt hat: Ich bezweifle, dass ich bei einem anderen Grafen-Darsteller einen Charakterzug, der die Hauptfigur, in egal welcher Szene, dazu veranlasst die Worte "Soso..." mit hochgezogenen Augenbrauen auszusprechen, als passend empfinden würde. Viele dieser charakterlichen Eigenheiten, die Thomas Borchert dem Grafen angedacht hat, würden bei anderen Hauptdarstellern nur schwerlich funktionieren.
Natürlich hatte Thomas das Glück, 15 Jahre lang (on and off) an der Interpretation dieser speziellen Rolle basteln zu dürfen, was ihm einen großen Vorsprung gegenüber anderen Kollegen verschafft hat, die die Grafenrolle erst wenige Male spielen bzw. erst vor Kurzem für sich entdecken durften.
Das Spannende – dass ich oben bereits kurz erwähnt habe – ist allerdings, das Thomas Borchert nie stillgehalten hat. Er hat sich nie in einer Interpretation festgefahren; er hat dem Grafen von Produktion zu Produktion eine weitere Facette hinzugefügt. Das heißt nicht, dass seine Interpretationen je die Aussicht darauf gehabt hätten, vollkommen zu sein.
Weit gefehlt: Thomas Borcherts Graf hat sich durch seine Wandlungsfähigkeit ausgezeichnet. Oft wusste ich von Vorstellung zu Vorstellung als Zuschauer nicht, welcher Charakterzug heute stärker hervortreten würde: der Schelm, der Verführer, der vom ewigen Leid Gemarterte oder der Skrupellose, der für das Erreichen seiner Ziele über Leichen geht.
Doch egal welchem Charakterzug er für mich entsprochen hat, auf der Bühne hat Thomas Borcherts Graf immer alles im Griff gehabt (außer natürlich bei der Gier, aber das ist eine eigene Geschichte) – und er hat sein Publikum unzweifelhaft in jeder Sekunde in den Bann gezogen.

Thomas Borcherts Tanz der Vampire Dernière war ein grandioser Abschluss der Spielzeit dieses Ausnahmekünstlers, der uns auf seine spezielle Art und Weise – oft nur durch einen Gesichtsausdruck oder durch eine einzelne Geste – zum Lachen brachte, den Atem anhalten ließ oder zu Tränen rührte und (ich kann es nicht oft genug betonen, denn das ist es was seinen Grafen so außergewöhnlich gemacht hat) nahezu von Abend zu Abend überraschte!
Meine Lieblingsszene in Tanz der Vampire ist Vor dem Schloss: 1. weil dies die einzige Sequenz ist, in der der Graf eine offizielle Sprechrolle hat – hier kann er so richtig zeigen, was er "außer Singen sonst noch draufhat" – und 2. weil es die einzige Szene ist, in der unsere "Helden" mit dem Antagonisten von Angesicht zu Angesicht reden können, ohne sich fürchten zu müssen gleich gebissen zu werden (ergo: Story- und Character-Building).
Thomas Borchert hat sich bei seinem letzten Auftritt als Graf von Krolock gestern in meinem Gedächtnis damit verewigt, dass er bei Vor dem Schloss
  • nach seinem Sinnen über sein trauriges Leben nicht nur einmal, sondern gleich zweimal herzzerreißend theatralisch geseufzt hat – bis er endlich Applaus dafür bekommen hat.
  • sich für einen Moment selbst nicht sicher zu sein schien, ob sein Schloss wirklich aus dem "späten 13. Jahrhundert" stammt (wie vom Professor angenommen) und es deshalb selbst erst einmal mit neu erwachten Interesse eingehend in Augenschein nehmen musste.
  • von Professor Abronsius Identität derart enthusiastisch (um nicht zu sagen: sarkastisch) begeistert war, dass man meinen könnte, er würde einen seiner über-enthusiastischen Fans an der Bühnentür nachmachen.
Zusätzlich zu diesen schauspielerisch genialen Häppchen, die wieder einmal Thomas Borcherts komödiantisches Talent bewiesen haben, war sein "Befrein" am Ende von Vor dem Schloss ("wird deine Liebe Leben sein und dich befrein") schon immer – und so auch an diesem Abend – etwas ganz Besonderes: ein Ton, der wie eine immer stärker werdende Energiesparlampe langsam alle Ecken des Theaters ausgefüllt hat, bis der Zuschauerraum zum Bersten mit Energie und jedes einzelne Haar bis in die Spitzen mit Elektrizität gefüllt war.
Bei manchen Vorstellungen von Tanz der Vampire mache ich mir Gedanken über diesen Ton (wird er auch heute das Theater bis zum Bersten ausfüllen? wird er dieselbe Energie erzeugen?). Nicht so bei Vorstellungen mit Thomas Borchert, denn er scheint in diesem Crescendo zu wohnen, in dieser Begeisterung, die das Leben zu bieten hat. Und so war es auch gestern – das letzte "Befrein" hat alles getoppt, was ich bis dahin in Vor dem Schloss gehört habe.

Aber nicht nur spezielle Szenen in Tanz der Vampire gehen mir besonders nahe, sondern auch bestimmte Songs, wie z.B. die Unstillbare Gier – aus ganz einfachen Gründen: weil sie den psychologischen Höhepunkt der Hauptfigur in diesem Stück bildet und weil sie eine der schönsten Komposition von Jim Steinman ist.
Thomas Borchert hat es allerdings gestern zum ersten Mal seit einigen Monaten geschafft, mich bei dieser Szene zu Tränen zu rühren. Er hat noch einmal alles in diese 7-8 Minuten hineingesteckt: all das Leid, die Wut, die Verzweiflung und die Verachtung.
Das Intro sowie die erste Strophe dieser speziellen Gier hat er unglaublich sanft und verletzlich angesetzt (anders als seine bisherige Herangehensweise an dieses Lied) und erst bei "wie immer wenn ich nach dem Leben griff" mit vollem Stimmvolumen gesungen.
Alle langen Töne am gegen Ende der Gier hat er umwerfend ausgekostet und wie bei jeder Vorstellung – aber diesmal durch die geschärfte Aufmerksamkeit des Publikums, das über seinen letzten Auftritt informiert war, noch eindrucksvoller gemacht – jedem einzelnen Besucher mit einem Hauch von eiskaltem Hohn die Tatsache vor Augen geführt, dass die Gier unser einzig wahrer Gott ist. Diesen Abschnitt der Gier hat Thomas Borchert bei jeder Vorstellung, der ich beiwohnen konnte, so bestechend gesungen bzw. gesprochen, dass ich bei ihm immer das Gefühl hatte, sein Graf möchte jedem Einzelnen von uns klar machen, auf welch schiefer Ebene wir uns Richtung Abgrund bewegen.*

Der Musicaldarsteller Thomas Borchert hatte für mich schon immer etwas "Grafenhaftes" und Respekteinflößendes an sich, was wohl großteils an seiner Rollenauswahl liegt: Graf von Monte Christo, Graf Dracula, Graf von Krolock, Jekyll/Hyde...
Thomas Borchert hat all diesen Grafen und/bzw. Monstern ein "musicalisches" Leben eingehaucht; hat ihnen eine Stimme verliehen und somit die deutschsprachige Musicalwelt in Richtung "Monster und Mysterien" erweitert. Aber was noch wichtiger ist: er hat mitgeholfen, ihnen menschliche Eigenschaften zu verleihen, und diesen dadurch um viele Facetten reicher gewordenen Figuren den Zugang zu den Herzen der Menschen erleichtert.
Ich glaube, es wird einige Zeit vergehen, bis ich bei "Seit ihr....bereit?" (Tanzsaal) – sowie bei einigen anderen Sequenzen in Tanz der Vampire – in unbedachten Momenten eine andere Stimme als die von Thomas Borchert hören werde.


*Da der Graf aber natürlich keine Figur mit moralischer Vorbildwirkung ist, geht auch der belehrende Sinn der Unstillbaren Gier in dem frenetischen Applaus, der jeder Darbietung dieses Liedes folgt (und im Prinzip nur die Interpretation würdigt und nicht die Botschaft) eigentlich immer verloren – und daran konnte nicht einmal Thomas Borchert viel ändern, da dies einfach ein Story-technisches Manko von Tanz der Vampire ist.

1.1.18

"Der Glöckner von Notre Dame", Deutsches Theater, München

Was für ein Morgen, Paris wird geweckt von einer Menge Gesellschaftskritik.

[Achtung: Spoiler!]

Von der Geschichte des 1999 in Berlin uraufgeführten Musicals ist nicht viel übriggeblieben – vom Disneyfilm aus 1996 ganz zu schweigen. Das neue Buch von Peter Parnell bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen dem Originalmusical und der Buchvorlage von Victor Hugo und wandelt zwischendurch auch ab und zu auf den Pfaden der künstlerischen Freiheit.
Man könnte fast sagen, dass "Der Glöckner von Notre Dame - Das Musical" endlich erwachsen geworden ist. Die starken Schwankungen des Tons, die der Disneyfilm aufgewiesen hat (komödiantische Szenen von Wasserspeiern, die beim Kartenspiel gegen Vögel verlieren, knapp gefolgt von Szenen, in denen Zigeuner verbrannt werden sollen...) sind gänzlich verschwunden. Die Geschichte des neuen Musicals ist düster und grausam – z.B. erfolgt die Auspeitschung Quasimodos genau wie in der Buchvorlage beschrieben.
Die für das komödiantische Element im Disneyfilm zuständigen drei Wasserspeier (die eindeutig nur dazu da waren um an den Erfolg der drei Hyänen aus "Der König der Löwen" anzuknüpfen) sind ersetzt worden durch eine ganze Schar von steinernen Statuen und Wasserspeiern, die alle mit Quasimodo Konversation führen – ein weiterer Pluspunkt für Victor Hugo-Fans, der beschreibt, wie Quasimodo tagtäglich mit den Dutzenden von Statuen, die über ganz Notre Dame verteilt sind, spricht.

Dieses Ensemble von "Steinfiguren" in ihren grauen Kutten ist im neuen Musical gleichzeitig das Zigeunervolk, in das es sich in Sekundenschnelle verwandeln kann. Dargestellt wird Quasimodos Verlassen seines Zufluchtsortes äußerst überzeugend erstens durch das Abwerfen der grauen Kutten des Ensembles, zweitens durch das Verschwinden des blauen Himmels und das Geräusch des durch das Gebälk pfeifenden Windes, und drittens durch das Verschwinden der sich in manchen Szenen auf dem Boden der Bühne befindlichen Balustrade, die den Glockenturm umgibt. Eine der sich im Glockenturm befindlichen Treppen ist beweglich, was in vielen Szenen im Deutschen Theater für zusätzliche Akzente sorgt.


Von den Wasserspeiern/Statuen/Zigeunern/Mönchen, kurz: dem Ensemble, wird mit Clopin als Wortführer (wie schon 1999 voller Energie und Witz: Jens Janke) die Geschichte erzählt. Jede Hauptfigur, die eingeführt wird, spricht bzw. singt auch über sich selbst hin und wieder in der dritten Person um die Zuschauerinnen und Zuschauer an der Innenwelt des jeweiligen Charakters teilhaben zu lassen. Diese Erzählweise ist der einzige Punkt, der mich an dieser Musicalproduktion leicht irritiert hat, weil sie einem unnötigerweise ins Gesicht schreit: seht her, wir erzählen hier eine Geschichte!
Der ca. 20-köpfige Chor, der das Ensemble unterstützt, sitzt bzw. steht, in graue Mönchskutten gekleidet, zu beiden Seiten der Balustraden und sorgt für die musikalisch bombastischsten Momente dieses Theaterbesuchs. Schon die prägnante Melodie der Glocken Notre Dames von Alan Menken, mit der der Munich Show Chorus und das Orchester des Stage Theater des Westens das Stück eröffnen, ist mir durch Mark und Bein gegangen.

Die Hauptdarsteller:


Milan van Waardenburg (Zweitbesetzung) darf als Quasimodo sogar ohne Buckel und "hässlichem Gesicht" (das mit ein paar Streifen schwarzer Farbe verziert ist) auf der Bühne stehen: vor dem ersten Auftritts Quasimodo im Erwachsenenalter – bei dem man dann die Verwandlung in den Glöckner live miterleben darf – und am Ende des Stücks, bei dem Quasimodo als einziger Mensch ohne Missgestalt auf der Bühne steht, während das Volk von Paris um ihn rundherum deformierte Gliedmaßen ausbildet und hässliche Gesichter zieht. Diese Entscheidung Quasimodo am Ende als "einzigen Engel unter lauter Dämonen" darzustellen bricht meiner Meinung nach selbst mit der Fiktion, weil sie die Welt zeigt, wie Esmeralda sie sich in "Einmal" erträumt, und an eine Existenz dieser Welt kann ich nur schwerlich glauben. 
Dieser kurze Abstecher in eine höhere Metaebene beschert uns allerdings den eindeutig berührendsten Moment des Musicals: Esmeraldas Geist geht dem Licht entgegen während der unversehrte Quasimodo die vierte Wand durchbricht und vom Ende von Victor Hugos Buch erzählt: zwei Jahre nach den Ereignissen in Notre Dame findet man zwei eng umschlungene Skelette in einem Grab – das einer Frau und das eines Mannes mit gekrümmter Wirbelsäule.
Als man sie voneinander trennen wollte, zerfielen sie zu Staub.

Sina Pirouzi (Zweitbesetzung) ist sehr klein und zierlich, was perfekt zu meiner Vorstellung der Esmeralda passt. Gekonnt wickelt sie in den Straßen von Paris das Volk mit Tanz und Gesang um den Finger, und bringt wenig später Quasimodo im Glockenturm von Notre Dame unglaubliche Herzensgüte entgegen. "Fern von der Welt" ist eine der wenigen Szenen dieses Musicals, die in dieser grausamen Welt glückliche Stimmung ohne Sorgen um die Zukunft aufkommen lässt.

All dem gegenüber steht Felix Martin als Claude Frollo.
Die menschliche Leidenschaft, die Victor Hugo in "Der Glöckner von Notre Dame" am eindrücklichsten und ausführlichsten beschrieben hat, ist das Verlangen nach Esmeralda, das die Menschlichkeit des Erzdiakons nach und nach verzehrt. Es war also ein naheliegender Schritt auch im Musical das Hauptaugenmerk auf den Ausdruck dieser Emotion zu legen: "Das Feuer der Hölle" ist meiner Meinung nach das intensivste Lied des Musicals, mit einem von rotem Licht umhüllten Chor, der sich mit mea maxima culpa die Seele aus dem Leib singt und Frollos Gewissensbisse aufwiegelt, bis dieser nur noch zwei Wege sieht: gehör mir oder brenn!
Sosehr ich Norbert Lamlas außergewöhnliche Stimme auf der Aufnahme der Höhepunkte des Originalmusicals auch schätze, muss ich doch zugeben, dass ich erstmals durch Felix Martin den gesamten Text von "Das Feuer der Hölle" verstanden habe. Felix Martin hat eine Sprech- sowie Gesangsstimme, die perfekt zu der Rolle des Frollo passt und jedem seiner Worte ungeheures Gewicht und Autorität verleiht und zeitweise richtig furcht- und abscheueinflößend sein kann.
Die Figur des Frollo bietet neben der von Quasimodo in diesem Stück auch das meiste Potenzial zu emotionaler Tiefe und einer Möglichkeit dem Publikum eine Moral dieser Geschichte zu übermitteln – welche am Ende allerdings nicht ergriffen wird: Fragt uns nicht ob es eine Moral gibt. Vielleicht kommt es darauf auch nicht an.
Welche brandaktuelle Seite von Frollos Charakter allerdings in unserer Zeit genutzt werden kann und hier auch gut genutzt wird, das ist Frollos Abscheu gegen Zigeuner bzw. Ausländer – unfreiwillige Gesellschaftskritik: da wir es heute noch immer nicht besser wissen als im Mittelalter sind viele Aspekte vom "Glöckner von Notre Dame" brandaktuell.

(c) Stage Entertainment

Einen kleinen Wermutstropfen hat das Wissen um das Originalmusical diesem Theaterbesuch für mich beigemengt: die Lieder "Tanz auf dem Seil" und "Weil du liebst" kommen in der neuen Version des Musicals nicht mehr vor bzw. wurden durch andere Lieder ersetzt – nicht weniger schön, aber diese müssen sich erst einen besonderen Platz in meinem Herzen ergattern.
Das Bühnenbild, die Darsteller, die Musik und vor allem die Glocken Notre Dames, die, wenn sie auf der Bühne geläutet wurden,  jedes Mal ein visuelles sowie klangliches Highlight des Musicals für mich waren, haben mich allerdings erfolgreich vertröstet. Besonders erwähnenswert ist im Zusammenhang mit den beeindruckenden Glocken auch noch das kochende Blei, das Quasimodo beim Höhepunkt des Stückes über die Balustrade des Glockenturms auf das Volk hinabgießt. Ein rot/silber-glänzender Vorhang sowie authentische Geräuschkulisse haben mir das Gefühl gegeben, möglicherweise selbst jeden Moment verbrüht zu werden.
"Der Glöckner von Notre Dame" ist eine mit Feuersglut aus erkalteter Asche (wieder-) auferstandene, äußerst gelungene Produktion mit Kritik an unserer Gesellschaft und Kritik an der Grausamkeit des Lebens.

23.11.17

CD Review Bat out of Hell The Musical – Jim Steinman

The Beat Is Yours Forever

Ich habe gestern endlich meine Bat out of Hell - The Musical-CD bekommen, die schon seit Sommer auf dem internationalen Markt ist, in Europa bis heute aber leider nur von sehr exklusiven Musikhändlern vertrieben wird.
Aber das Warten und sogar der hohe Preis haben sich gelohnt, vor allem weil den Doppel-CDs ein traumhaft schönes Booklet mit den gesamten Lyrics beiliegt, was bei Musical-CDs heutzutage leider nur noch sehr selten vorkommt.


Bat out of Hell - The Musical ist das, was das We will rock you Musical hätte sein können, wenn sich Zweitgenanntes selbst ein bisschen ernster genommen hätte.
We will rock you lässt sich hier als ein sehr passender Vergleich heranziehen, weil die Musik dieser beiden Musicals derselben Ära und demselben Genre entstammt. Aber während Drehbuchautor Ben Elton die Musik von Queen in We will rock you in das Genre eingeführt hat, das ihm am vertrautesten ist - der Komödie -, hat Rock-Urgestein Jim Steinman bei allen Bat out of Hell-Alben seit 1977 das Steuer nie freiwillig aus der Hand gegeben und ist seinen Idealen bis heute treu geblieben.
Bat out of Hell - The Musical ist Jim Steinmans erste erfolgreiche Realisierung seine Musicalidee aus dem Jahr 1977: Neverland 
Peter Pan has always been about my favorite story and I've always looked at it from the perspective that it's a great rock and roll myth because it's about—when you get right down to it—it's about a gang of lost boys who never grow up, who are going to be young forever and that's about as perfect an image for rock'n'roll as I can think of.  
Das Skript des neuen Musicals sowie alle Texte stammen von Steinman selbst, weshalb die Musik nicht wie jene von We will rock you in eine weit von unserer Realität entfernten Welt versetzt worden ist, sondern - trotz ihrer dystopischen Grundidee - tief in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist. Die Rock'n'Roll-Lebensphilosophie der 70er, 80er und teilweise auch der 90er bilden die Grundlagen von Bat out of Hell - The Musical - man kann sie jede Sekunde spüren.
Zusätzlich dazu, dass Steinman dem Rockergenre des vergangenen Jahrhunderts nie entwachsen ist, war bei der Entstehung dieses Musicals sicherlich auch der Umstand hilfreich, dass das originale Bat out of Hell-Album aus 1977 bereits einen kompletten Songzyklus, der eine zusammenhängende Geschichte erzählt, enthalten hat.
Interessant ist, dass das Musical selbst mit dem letzten Lied des originalen Albums beginnt - die Geschichte des jungen verunglückten Bikers, der sich im Sterben liegend an sein Leben erinnert, wird also nicht wie bisher in Rückblenden erzählt, sondern in chronologischer Reihenfolge.
Welche neuen Storyelemente das Musical bedient, die bisher nicht in Jim Steinmans beiden Bat out of Hell-Alben erzählt worden sind, weiß ich noch nicht (darüber werde ich erst mehr erfahren, wenn die bereits angekündigte Wiederaufnahme des Musicals in London 2018 stattfinden wird). Zusätzlich zu Liedern aus den ersten beiden Bat out of Hell-Zyklen sind dem Musical auch eine kleine Auswahl von Songs aus dem dritten Bat out of Hell-Album (2006) beigefügt worden, bei dem Steinman nicht mehr als Produzent agiert hat.
Sehr vorhersehbar war, dass I would do anything for love die finale Rock-Symphonie bildet, die von allen Darstellern gemeinsam gesungen wird. Es ist also gut möglich, dass sie wie Bohemian Rhapsody in We will rock you bereits außerhalb des Stücks steht und ‘nur noch’ als Zugabe gesungen wird.
Die Texte aller Lieder sind zu 95% original übernommen worden.
Auffallend sind bei allen Bat out of Hell - The Musical Liedern vorrangig die deutlich angehobene Frauenquote, und dass ein volles Orchester die obligatorische Rockband unterstützt.
Die Besetzung des Musicals ist phänomenal gewählt: An der Spitze einer Riege von außergewöhnlichen Stimmtalenten stehen sich Andrew Polec als Wasted Youth und Rob Fowler als ein Vertreter der Who needs the Young?-Generation gegenüber.
Wer sich ein Bild von diesen beiden Ausnahmetalenten verschaffen will, dem empfehle ich einerseits natürlich dem Titellied, aber auch unbedingt In the land of the pig the butcher is king seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Gemeinsamkeiten mit meinem Lieblingsmusical Tanz der Vampire (Musik ebenfalls von Steinman) hat Bat out of Hell - The Musical folgende: Die Melodie von Who needs the Young aus dem 1. Akt ist das Hauptthema von Die Gruft und im 2. Akt kommt Objects in the rear view mirror - ergo: Die unstillbare Gier - in seiner Gesamtheit vor.
Genau wie Tanz der Vampire ist das gesamte Musical zum Bersten gefüllt mit Energie, die bei diesen rockigen Liedern auf Anhieb überspringt. Jim Steinman-Musicals enthalten pures Leben für mich!

Besorgt euch diese Musical-Aufnahme, liebe Jim Steinman-Fans, und haltet die Daumen dafür gedrückt, dass das Musical bald wieder zurück nach Europa kommt.
Think of how we lay down together
We'd be listening to the radio so loud and so strong
Every golden nugget coming like a gift of the gods
Someone must have blessed us
When he gave us those songs

Update: Wer mehr über das Musical erfahren möchte, kann bei Handlung Vorlage, Sprache, Themen und bei Pro & Contra, Dominion Theatre London weiterlesen.

Jim Steinman-Quote: jimsteinman.wikia.com/wiki/Neverland