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28.6.18

Tanz der Vampire Dernière 28.6.2018, Ronacher

Aktion gemäß der Instruktion

Auch bei der diesjährigen Tanz der Vampire-Dernière im Ronacher am 28.6.2018 konnte man im Vorfeld wieder die langwierige und aufreibende Diskussion mitverfolgen, welche Fan-Aktionen von den VBW genehmigt werden würden und welche nicht. Schlussendlich konnte man sich wieder auf ein annehmbares Minimum einigen, das zumindest einen Teil der Fans zufrieden gestellt hat. Aber wie schon bei der letzten Wiener Tanz der Vampire-Dernière am 25.6.2011 wurden nicht nur die Entscheidungen der VBW die Fan-Aktionen betreffend mit großer Spannung erwartet, sondern auch, welche kreativen Einfälle das Produktions-Team bzw. die Künstlerinnen und Künstler selbst in die letzte Show einbringen würden.
Mein heutiger Bericht konzentriert sich vorrangig auf die außertourlichen Ereignisse der gestrigen Dernière, sowie auf Fan- und Cast-Mitglieder - Aktionen, und nicht auf die gesangliche und schauspielerische Leistung der letztgenannten. Wer mehr über Drew Sarichs und/oder Thomas Borcherts Oeuvres dieser Spielzeit lesen möchte, der möge bitte den entsprechenden Links folgen.


1.Akt
Die erste Fan-Aktion des gestrigen Abends war der noch etwas zaghafte Versuch des Publikums sich bereits in der ersten Szene der Show einzubringen und Raphael Groß (Alfred) mit einem zwischengerufenen "Doch, wir!" davon zu überzeugen, dass er falsch liegt in der – vom Skript vorgegebenen – Annahme, dass niemand Alfred vermissen würde. Leider konnte diese Aktion keinen besonderen Effekt erzielen, da diese Sequenz des Musicals zu straff orchestriert ist und keinen Raum für akustische Publikumsbeteiligung lässt, weshalb der Zwischenruf etwas untergegangen ist.

Wesentlich besser hat die Unterstützung des Publikums in der Szene geklappt, in der Professor Abronsius (Sebastian Brandmeir) Chagals (Nicolas Tenerani) Herz durchstechen will und Alfred das Wort "Rippe" nicht einfällt. Wie schon bei der letzten Tanz der Vampire-Dernière im Ronacher wurde hier von der Zuhörerschaft das gesuchte Wort kollektiv und klar verständlich zwischengerufen, was den Professor dazu veranlasst hat, seinen Assistenten mit abschätzigem Blick und energischer Handbewegung Richtung Publikumsraum darauf hinzuweisen, dass selbst uns das Wort einfällt, während Alfred noch immer verzweifelt danach sucht.

Das Highlight des 1. Akts bildete ohne Zweifel die von den VBW offiziell genehmigte Fan-Aktion, bei der sich das Publikum beim Gebet mit LED-Teelichtern an der malerischen Szene beteiligen durfte, was bei diesem Lied sowohl unter den Zuschauerinnen und Zuschauern als auch auf der Bühne für unbeschreibliche Emotionen gesorgt hat. Diana Schnierer (Sarah) war es deutlich anzusehen, dass es ihr eine Menge abverlangte, sich von dem mit flackerndem Kerzenlicht beleuchteten Publikumsraum nicht zu einer echten Gefühlsregung hinreißen zu lassen – was perfekt zu dieser Szene gepasst hat, in der ihre Figur ohnehin mit einigen widersprüchlichen Emotionen zu kämpfen hat.

Das Zusammenspiel aller Darstellerinnen und Darsteller war gestern emotional intensiver, wobei sich hier besonders Dawn Bullock (Rebecca) und Nicolas Tenerani hervorgetan haben, die sich entgegen der Angabe im Tanz der Vampire-Skript vor Chagals Aufbruch Richtung Grafenschloss auf Chagals Initiative hin innig umarmt haben.

Neben emotionalen i-Tüpfelchen gab es im 1. Akt auch das einzige (von mir bemerkte) "Hoppala" des gestrigen Abends: Drew Sarich (von Krolock) hatte wohl bei Vor dem Schloss die Visitenkarte des Professors nicht gut genug in seinem Ärmel verstaut; jedenfalls ist diese in einem rhythmisch perfekt abgepassten Moment bei einer schwungvollen Linksdrehung hinausgeflogen – was den erfahrenen Grafen, der diese Sache möglicherweise genau so geplant hatte, überhaupt nicht gekümmert hat.

2. Akt
Der ungewöhnliche 2. Akt wurde eingeleitet von Sebastian Brandmeir, der sein im Schlaf für gewöhnlich wortloses, aber geräuschvolles Luftholen (das jedes Mal den Beginn von Carpe Noctem markiert) mit einem Wort garnierte, das niemand so recht verstehen konnte. Viele Fans glauben "Mark Seibert" gehört zu haben, während andere auf "Magda", "Mahlzeit" oder "Meuterei" beharren. Die Vorstellung, etwas völlig Anderes als die Sitznachbarin bzw. der Sitznachbar verstanden zu haben, macht diese Sequenz rückblickend nur umso komischer.

Das Highlight des 2. Akts bestand darin, dass man sich dazu entschieden hatte, am letzten Abend bei vielen Ensembleszenen alle regulären Darstellerinnen und Darsteller plus Swings einzusetzen, was dem Tanz der Vampire-Fan einen beeindruckenden Unterschied zu den regulären Shows vor Augen geführt hat: Bei Ewigkeit, Tanzsaal und Finale haben statt 15-20 Vampiren erstmals über 30 Vampire zugleich auf der Bühne agiert!
Im Fall von Ewigkeit bedeutete dies, dass in den Gräberreihen auf der Bühne in der zweiten Hälfte des Liedes nicht wie gewöhnlich jeweils nur zwei weitere Vampire aus den Gräbern auftauchten, sondern jeweils doppelt so viele; während bei Tanzsaal von allen ausgehungerten Vampiren ein viel größerer und zugleich dichterer Kreis um den Graf und Sarah gebildet wurde. Die immens respekteinflößende Wirkung, die diese Ensemblenummern schon bei normalen Vorstellungen haben, wurde durch den Einsatz aller Ensemblemitglieder bei der Dernière noch um ein Vielfaches verstärkt und hat zu einigen der intensivsten Gänsehautmomenten dieser Spielzeit geführt.

Bei Tanzsaal lenkte gestern auch noch eine zusätzliche Vampir-Aktion das Augenmerk auf die Vielzahl der Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne: Als Herbert (Charles Kreische) den Untertanen Krolocks wie immer durch Händeklatschen das Zeichen zum Tanzbeginn geben wollte, haben ihn alle Ensemble-Vampire mit präzisem und perfekt choreographiertem Klatschen ihrerseits dabei unterstützt.

Ein kleines Detail derselben Szene hat wohl die Herzen vieler Besucherinnen und Besucher höher schlagen lassen: Bevor Drew Sarich Diana Schnierer in den Hals gebissen hat, hat er sie zärtlich – wie um sich von ihr zu verabschieden – auf den Mundwinkel geküsst.


Eine erwähnenswerte Publikumsbeteiligung im weiteren Sinne war der enthusiastische, um nicht zu sagen, ekstatische Jubel und Applaus nach jedem Lied bzw. nach jeder außergewöhnlichen Aktion der Darstellerinnen und Darsteller – ohrenbetäubender Applaus, der oftmals sogar die Musik, die für gewöhnlich Szenenübergänge untermalt (z.B. nach Carpe Noctem) übertönt, und nach Ewigkeit die Vampire, die durch die Gänge hinausgehen, sogar von der Bühne bis zum Ausgang begleitet hat. 
Die ersten Standing Ovations gab es im 2. Akt bereits vereinzelt nach Ewigkeit, und nach der Unstillbaren Gier erhob sich der Großteil des Parkett-Publikums von den Sitzen. Spätestens beim Finale gab es auch für alle restlichen Besucherinnen und Besucher kein Halten mehr: Der gesamte finale Auftritt der Ronacher-Vampire wurde von den Fans mit Gesang, Klatschen, Jubel und Standing Ovations geehrt.

Ich hatte den gesamten Abend den Eindruck nur von passionierten Musicalfans und Familienmitgliedern und Freunden der Cast-Mitglieder, die alle genau wussten, was sich bei dieser außergewöhnlichen Veranstaltung gehört, umgeben zu sein – wozu wohl der, dieses Jahr durch eine Verlosung relativ elegant gelöste, exklusive Dernière-Kartenverkauf für Mitglieder des VBW-Musicalclubs geführt hat.

Schlussapplaus
Hier zwei Fotos vom Schlussapplaus aus der dritten Reihe:

Oben ganz vorne: Florian Resetarits, Charles Kreische, Nicolas Tenerani, Raphael Groß
Unten: Drew Sarich, Diana Schnierer, Sebastian Brandmeir, Marle Martens

Mit auf die Bühne durfte beim letzten Schlussapplaus auch Florian Fetterle, der sein Hauptengagement derzeit bei I am from Austria im Raimund Theater hat, aber im Ronacher mehrmals pro Monat als Walk-in-Cover vom Graf von Krolock tätig war; und unkostümiert in hellblauem Hemd und beiger Hose gestern recht unbekümmert einen lustigen Kontrast zu all den schwarz gekleideten Vampiren bildete.

Am Tag danach sind nun einige Fotos und sogar kurze Videoausschnitte von einigen Highlights der gestrigen Dernière aufgetaucht, von denen jetzt ein Großteil auf den Facebook-Pages und in den Instagram-Stories der meisten Darstellerinnen und Darsteller kursiert. Wer sich allerdings die richtig guten (Schlussapplaus-) Fotos anschauen will, dem empfehle ich im Lauf der nächsten Tage bei Diane Bauer-Photos auf Facebook vorbeizuschauen.

Hier ein Video vom Schlussapplaus aus der zehnten Reihe:

Nach dem Schlussapplaus
Da es den Fans wie schon bei der letzten Tanz der Vampire-Dernière nach dem Schlussapplaus untersagt war, ihr eigens für dieses Event kreierte Abschiedslied im Saal zu singen, sind viele von ihnen auf die verregnete Straße vor der Bühnentür ausgewichen und haben (wie schon 2011) einfach so lange gesungen, bis sich die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller (Diana Schnierer, Dawn Bullock, Raphael Groß, Sebastian Brandmeir, Drew Sarich, Nicolas Tenerani, Florian Resetarits, Charles Kreische) kurzzeitig von der Dernièren-Party im Ronacher absentiert und sich sehr enthusiastisch im Namen aller Cast-Mitglieder bei ihren Hardcore-Fans bedankt haben.
Die Erklärung der VBW warum eine musikalische Fan-Aktion nicht im Theater stattfinden darf, klang schon bei der letzten Tanz der Vampire-Dernière ein wenig müde: "die Show läuft nach einem engen Zeitplan ab, da ist keine Zeit für sowas". Warum eine musikalische Würdigung aller Mitwirkender durch die Fans im Theater bei den Dernièren einiger Musicals verboten ist (z.B. Tanz der Vampire), während sie bei den letzten Vorstellungen anderer Musicals absolut kein Problem darstellt (z.B. Elisabeth), ist eines der viel hinterfragten und bis heute ungelösten Rätsel des VBW-Dernière-Managements.

Hier der Text des umgedichteten Eine schöne Tochter ist ein Segen-Liedes, dessen Präsentation den Fans trotz des herausfordernden Rhythmus' sehr gut gelungen ist, und alle Cast-Mitglieder, die es sich angehört haben, sichtlich begeistert hat:

In diesem Sinne:
Glück und Segen auf Euren Wegen. Tschüss und Baba!

Es war eine ereignisreiche, unvergessliche Tanz der Vampire-Jubiläums-Spielzeit in Wien und wir freuen uns schon auf die nächste. Carpe Noctem!
#tdv20viennathiswasus

6.5.18

Musical meets Opera 2018, Ronacher

Don Giovanni zu Gast bei den Vampiren

Eine wahrlich treffende Beschreibung für die 10. Ausgabe von Musical meets Opera, die heute am 6.5.2018 im Wiener Ronacher stattgefunden hat – wie jedes Jahr souverän, charmant und äußerst unterhaltsam moderiert von Thomas Dänemark.


Thomas Dänemark hat in dieser ca. zweistündigen Veranstaltung gekonnt die Parallelen zwischen den Figuren und den Handlungselementen von Tanz der Vampire und Don Giovanni aufgezeigt und inhaltsähnliche Lieder aus beiden Genres von den jeweiligen Darstellerinnen und Darstellern gegenüberstellen lassen – so wurde z.B. Draußen ist Freiheit zum Musical-Pendant für Reich mir die Hand, mein Leben (in der Originalsprache Italienisch) aus Mozarts Oper.

Aus Tanz der Vampire wurden folgende Lieder zum größten Teil original mit Kulissen und in Kostümen aufgeführt:

Vor dem Schloss – Drew Sarich & Tanz der Vampire Ensemble
Gott ist tot – Drew Sarich
Alles ist hell/Wahrheit – Sebastian Brandmeir, Raphael Groß, Nicolas Tenerani, Floor Krijnen & Marle Martens
Draußen ist Freiheit/Stärker als wir sind/Gebet – Diana Schnierer, Raphael Groß, Drew Sarich & Ensemble
Tot zu sein ist komisch – Marle Martens & Nicolas Tenerani
Einladung zum Ball – Drew Sarich
Für Sarah – Raphael Groß
Wenn Liebe in dir ist – Raphael Groß & Charles Kreische
Ewigkeit – Ensemble
Finale 1. Akt – Drew Sarich

Alle Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller – und im Fall von Filippo Strocchi und Floor Krijnen auch zwei Covers – des Stücks kamen nach ihren Gesangseinlagen zu Wort und haben ein bisschen etwas über ihre Rollen bzw. sich selbst erzählt. Einige der Geschichten kannte man als Fan vielleicht schon von der ersten Ausgabe von Musical meets Opera mit den Vampiren (2011) bzw. hatte sie irgendwo anders aufgeschnappt; sie aber live direkt aus dem Mund der Darstellerinnen und Darsteller noch einmal zu hören, sorgte trotzdem wieder für exzellente Unterhaltung des heutigen Publikums, das eindeutig zum Großteil aus Musicalfans bestand.
Auch die Tanzdoubles von Sarah und Krolock, Lucy-Marie Fitzgerald und Arltan Andzhaev, die bei ihren Auftritten in  Tanz der Vampire die Geschichte vorrangig visuell untermalen, hatten heute die Gelegenheit, etwas über ihren Musicalwerdegang und ihre Arbeit zu erzählen. Zwei Ensemble-Mitgliedern der Ewigkeits-Vampire – Martina Borroni und Christopher Dederichs – hat Thomas Dänemark unter anderem die Frage gestellt, ob von ihnen beim Verlassen der Bühne immer bestimmte Zuschauerreihen erschreckt werden, was zum Glück für zukünftige Besucherinnen und Besucher der Show nicht verraten wurde.
Florian Resetarits, der normalerweise als Koukol eine sprachtechnisch relativ eingeschränkte Rolle hat, hat kurz von der Herausforderung, den buckligen Diener zu spielen, berichtet und danach die restliche Veranstaltung lang den Butler für alle gespielt: Er brachte Darsteller und Requisiten auf die Bühne und holte sie dort wieder ab.

Im Gegensatz zu vielen vorangegangen Produktionen von Musical meets Opera gab es dieses Jahr keine fixen Sitzplätze, auf denen die gerade unbeschäftigten Sängerinnen und Sänger während der Veranstaltung residierten. Dieses Mal wurden schlauerweise einfach die Kulissen von Tanz der Vampire dafür benutzt und es befand sich meist nur auf der Bühne, wer gerade sang bzw. gesungen hatte: Das Champagnerlied aus Don Giovanni wurde passenderweise von Adam Plachetka mit einem Glas Blut in der Hand in Chagals Wirtshaus gesungen und während Tot zu sein ist komisch saßen Thomas Dänemark, Adam Plachetka und Jasmina Sakr am Tisch im Wirtshaus und konnten praktisch in der ersten Reihe fußfrei den ersten Biss auf der Bühne in Tanz der Vampire hautnah miterleben.
Vielleicht war die als Location gewählte Showbühne des Ronachers auch der Grund dafür, dass dieses Jahr bei Musical meets Opera wesentlich mehr gesungen als geredet wurde.

Die Highlights für Tanz der Vampire-Fans bildete natürlich das teilweise ungewohnte Staging der wohlbekannten Lieder, Drew Sarich, der zwischendurch immer wieder spontan auf der Bühne auftauchte, kaum dass jemand erwähnte, dass er bzw. sie gerne einmal gebissen werden möchte (was oft passierte), eine Quartett-Version der Unstillbaren Gier und Wenn Liebe in dir ist mit vertauschten Rollen.
Die beiden zuletzt erwähnten Ideen wurden bereits 2011 bei Musical meets Opera 2 erstmals umgesetzt – dieses Jahr wurden die Lieder mit folgender Besetzung aufgeführt:
Die Unstillbare Gier wurde zur Klavierbegleitung von Walter Lochmann von den großteils gesanglich hervorragend miteinander harmonierenden Maximilian Mayer, Drew Sarich, Filippo Strocchi und Morten Frank Larsen dargeboten – die Strophen und Refrains wurden abwechselnd von den einzelnen Sängern gesungen und gemeinsam haben sie sich dann vierstimmig an ein außergewöhnliches und sehr stimmiges, vom Orchester unterstütztes Finale des Liedes herangewagt.
Wenn Liebe in dir ist wurde nach der Originalversion des Songs noch einmal mit vertauschten Rollen mit Raphael Groß als Herbert und Charles Kreische als Alfred gespielt – diese angeblich spontane Umsetzung evolvierte mit einem Raphael Groß, der versuchte, sich wie Charles Kreische zu bewegen, und einem Charles Kreische, der einfach Herbert in der Rolle des Alfred spielte, zum komischen Höhepunkt von Musical meets Opera 10.

Für Opernfans waren einige Leckerbissen aus Don Giovanni dabei, die von Adam Plachetka, Jasmina Sakr, Morten Frank Larsen und Maximilian Mayer (immer begleitet von Walter Lochmann, dessen Klavier am linken Bühnenrand stand) vor ungewöhnlicher, aber sehr atmosphärischer Szenerie – Chagals Wirtshaus bzw. Krolocks Schloss – gesungen wurden. Auch Thomas Dänemark hat einmal sogar eine kleine Rolle übernommen und die Statue des Kontur, die in der vorgestellten Szene eine kleine Gesangsrolle hat, gespielt.

Gemeinsam von Drew Sarich und Adam Plachetka wurde dann noch Stars aus Les Miserables gesungen, da man ein Lied, das beide männliche Hauptdarsteller im Duett singen können, gesucht hat, und es wohl weder in Tanz der Vampire noch in Don Giovanni finden konnte. Aber Thomas Dänemark konnte auch hier wieder die Genres und – in diesem Fall – drei Stücke erfolgreich durch die von ähnlichen Motiven angetriebene Hauptfigur miteinander verbinden.

Den Abschluss von Musical meets Opera 10 hat eine moderne Version von Reich mir die Hand, mein Leben gebildet, die von allen Musical-Hauptdarstellerinnen und -darstellern und Opernsängerinnen und -sängern gemeinsam gesungen wurde.



4.5.18

Drew Sarich in Tanz der Vampire, Ronacher

Sei bereit, Sternkind

Drew Sarich hat diese Woche im Wiener Ronacher wieder die Rolle des Graf von Krolock übernommen und schließt somit den Kreis, den er im letzten Jahr begonnen hat. Um einen Großteil der Tanz der Vampire-Fans zumindest ansatzweise zufriedenzustellen, haben die Vereinigten Bühnen Wien für die Jubiläumsfassung drei der gefragtesten Grafendarsteller engagiert, die nun seit der Premiere im September 2017 abwechselnd die begehrte Rolle gespielt haben: Drew Sarich: September - Oktober, Mark Seibert: Oktober - Dezember, Thomas Borchert: Jänner - Februar, Mark Seibert: Februar - Mai und Drew Sarich: Mai - Juni.
Prägnant ins neue Jahr 2018 gestartet ist Thomas Borchert, der einen beeindruckenden, äußerst respekteinflößenden Krolock mit vielen verschiedenen Nuancen, die über die Jahre hinweg zu seinem Markenzeichen geworden sind, gespielt hat, gefolgt von Mark Seibert, dessen (in Hinsicht auf Mark Seiberts Zeit in dieser Rolle) relativ junger Graf in seinem Schauspiel stark kontrolliert war, der aber stimmlich bei jeder Vorstellung einen sehr tiefgehenden, wenn nicht sogar erschütternden Blick hinter die Maske des Schlossherren gewährt hat. 
Wer sich jetzt nach diesen beiden Performances, die beide grundverschieden, aber doch meist unprätentiös waren (verglichen mit Drew Sarichs Spiel zumindest), eine Zeit mit schauspielerischen sowie gesanglichen Überraschungen, und somit Szenen, in denen die Stimmung von Vorstellung zu Vorstellung völlig anders sein kann, wünscht, der ist jetzt im Ronacher genau richtig. Wer sich nach unaufgeregtem Schau- sowie Stimmenspiel und einer "gewöhnlichen" Tanz der Vampire-Vorstellung sehnt, der sollte entweder zuhause bleiben oder nach Deutschland fahren.


Was ich Drew Sarich immer wieder gerne und mit vollster Überzeugung "ankreide", ist, dass mir sein Graf von Krolock zu verspielt ist. Mir sind prinzipiell Grafen lieber, die unnahbar sind und mir im weitesten Sinne Furcht einflößen, und Drew Sarich ist im Moment weder das Eine, noch tut er das Andere. Wie er selbst sagt, besteht sein Krolock aus einem Teil Panther, einem Teil Adler und einem Teil Elvis (und er selbst entscheidet, wann welcher Teil in ihm zum Vorschein kommt) und dies ist womöglich ohnehin die beste Beschreibung seiner Performance.
Drew Sarichs Graf ist ein Showman, ein Unterhalter, der sowohl mit seinen Opfern, mit seinen Untertanen, vorrangig aber auch mit seinem Publikum spielt. Während die meisten Darsteller den Durchbruch der vierten Wand nur vornehmen, wenn er schon dezidiert im Skript vorgegeben ist (z.B. bei Euch Sterblichen von Morgen prophezeie ich heut und hier), spricht Drew Sarich in vielen Szenen mit seinem Schauspiel öfter direkt das Publikum als das Ensemble auf der Bühne an. Neuerdings taucht er bei Tanzsaal in seiner Kanzel gerne mit völlig auf das Publikum ausgerichteter Körpersprache auf – seine von ihm angesprochenen Untertanen scheinen ihn trotz seiner mitreißenden Rede in diesem Fall nur mäßig zu interessieren. Auch beim Gebet hält er sich nicht am Dach des Wirtshauses versteckt, sondern ist dort während einem Gutteil des Liedes (schon lange bevor sein Gesangspart beginnt) dabei zu beobachten, wie er seinen faszinierten und gleichzeitig fast arroganten Blick über die Bühne bis ins Publikum schweifen lässt – frei nach dem Motto: überseht mich bloß nicht!
Wie könnte man das? Ein Krolock, der sich sowohl gesanglich, als auch schauspielerisch an keine Regeln hält, sticht ohnehin aus Tanz der Vampire heraus.

Während viele Grafen-Darsteller gerne über Monate, wenn nicht Jahre hinweg eine bestimmte Art der Interpretation dieser Rolle entwickeln und festigen, und nur hin und wieder lang bearbeitete neue Nuancen einfließen lassen, ist Drew Sarich ein Entdecker und Erfinder, der eben mal alle paar Vorstellungen etwas Neues ausprobiert. Aber Ausprobieren heißt für ihn nicht, dass er einfach irgendetwas halbherzig versucht – nein, Drew Sarich setzt die meisten seiner genialen Ideen, die weiß-Gott-woher-kommen, erfolgreich um, weil er sie (nehme ich zumindest an) genau kalkuliert hat und weil er über eine hervorragende Selbsteinschätzung verfügt.
Sein intensives, unter die Haut gehendes Schauspiel ist in dieser Rolle in allen kleinen, von anderen Grafen oftmals übergangenen Momenten zu sehen, z.B. als ihm in Totale Finsternis eine sich vorsichtig der Emanzipation annähernde Sarah die Hand auf die Schulter legt, während er mit Abscheu gerade seine Finger bzw. Klauen betrachtet (durch die ihm immer wieder das Leben entgleitet), und er daraufhin zurückzuckt und sich von ihr abwendet. Kein anderer Performer, den ich in dieser Rolle gesehen habe, hat es je geschafft, mit einer Handvoll Blicke und Gesten in diesem kurzen Moment so viele Emotionen zu porträtieren; um nicht zu sagen: ganze Geschichten innerhalb von ein paar Sekunden zu erzählen.
Auch die Tatsache, dass Drew Sarich risikofreudig ist und Lieder, in denen es gar nicht vorgesehen ist, mit seinen spitzen Zähnen im Mund singt (wie z.B. Totale Finsternis), tragen zu seiner außergewöhnlich starken Vampir-Personifizierung bei. Risikofreudig erstens, weil in dieser Szene beim Sturz die Treppe hinunter schon einmal die eigenen Zähne im Unterkiefer landen könnten und zweitens, weil man mit diesen Beißerchen erst einmal ein ganzes Lied ohne Lispeln durchsingen können muss.

Drew Sarichs Graf ist in jeder Sekunde, die er in seiner Rolle vor Publikum verbringt  – egal ob auf der Bühne oder auf dem Weg dorthin – völlig präsent. Durchgehend versteht er es sowohl stimmlich als auch schauspielerisch den Raum zu beherrschen. In Szenen, in denen man als Zuschauerin bzw. Zuschauer auf manchen Plätzen an einigen Abenden aufgrund der Aussteuerung Probleme hat, die Darsteller zu verstehen (im Ronacher genauso wie im Theater des Westens), singt Drew Sarich mit einer Präzision und solch durchdringender, klarer Stimme, dass man ihn selbst bei geringer Lautstärke noch in der hintersten Reihe wahrnimmt und versteht.
Seine Bühnenpräsenz ist bis zu einem gewissen Grad wie die Interpretation von dutzenden anderen Darstellern in erster Linie ehrfurchtgebietend, aber gleichzeitig merkt man seinem Grafen auf einen Blick die Verschlagenheit und das Schelmische an, was (wieder laut eigener Aussage) einfach eine Reaktion auf die vergangenen Jahrtausende ist, in denen Krolock gegen seinen Willen alle Zeit der Welt hatte, die Menschen und all ihre Fehler zu studieren.
Diese Eigenschaften machen Drew Sarichs Krolock sehr bewegungsfreudig und oftmals (wie gesagt) sogar verspielt – am deutlichsten ist dies spürbar in jenen Szenen, die bereits vorgeschriebene komische Momente enthalten (wie z.B. Vor dem Schloss und Tanzsaal), aber auch bei Szenen, in denen kaum ein anderer Krolock-Darsteller je versucht zu glänzen, wie z.B. beim Finale wo er mit einer triumphierenden Grimasse mit ausgefahrenen Fangzähnen unter seinen Vampiren auftaucht und mit ihnen lässig in die Welt hinausmarschiert. Nach der eher zurückhaltenden Performance von Mark Seibert die letzten Monate wird man von Drew Sarichs Gestik bei Vor dem Schloss möglicherweise fast erschlagen, gewöhnt sich aber recht schnell daran, wenn man bedenkt, dass man die verschiedenen Gesten, die Mark Seibert am besten beherrscht – und an die er sich deshalb hält – an den eigenen Fingern abzählen kann.


Wer auch immer die Idee dazu hatte, Drew Sarich freie Hand bei der stimmlichen Entwicklung der Grafen-Rolle zu lassen bzw. wer auch immer ihn dazu animiert hat, hat einen Glücksgriff gemacht. Seine stimmliche Interpretation ist wahrlich nichts für die Ohren der Fans, die eine gewisse Notenabfolge gewohnt sind und die für eine hohe Krolock-Gesangsstimme nichts übrig haben. Drew Sarich hat mit seiner Tenorstimme vielen Sequenzen in Tanz der Vampire eine völlig neue Klangfarbe verpasst und die Stimme des Vampirs – ergo: des Monsters – aus den Tiefen des Horrorgenres an die klare, frische Luft und an das helle Licht gebracht.
Folgende Parts fallen mir jetzt auf Anhieb ein, die von ihm höher gesungen werden (entweder eine Terz oder gleich eine Oktave):
und hungrig nach GlückGott ist tot
Sei bereit Sternkind und auf dem Ball morgen NachtTotale Finsternis
und bei zum Bleiben verdammt in Tanzsaal begibt er sich überhaupt in jene ungreifbare Sphäre, die mich jedes Mal an seine übermenschliche Gethsemane-Leistung in Jesus Christ Superstar erinnert.

Obwohl es eine offizielle Aufnahme von Totale Finsternis mit Drew Sarich und Diana Schnierer gibt (Die drei Grafen, HitSquad 2018), tut ihm diese eher Unrecht, da er auf dieser Aufnahme "ganz normal" klingt und seine stimmlichen Möglichkeiten nicht ausloten durfte. Drew Sarich hat die Grafen-Rolle stimmlich zu etwas ganz Eigenem gemacht, das nur ihm selbst gehört, und wenn man ihm jetzt auf einmal sagt, er soll den Graf nach den vorgegebenen Noten singen, dann ist es nicht mehr seine Interpretation. Das wahre stimmliche Meisterwerk dieses Krolocks ist derzeit also nur live zu bewundern.
Und obwohl er sich all diese prägnanten Freiheiten in einem so außergewöhnlichen Ausmaß – wie es noch nie jemand zuvor oder seither gewagt hat – nimmt, so hat er doch nie den Respekt vor der Musik verloren und würdigt die Originalversionen der Lieder auf seine persönliche, grandiose Art und Weise. Drew Sarich gibt mir oft das Gefühl, viele Teile von Tanz der Vampire (mit dem ich aufgewachsen bin und das ich seit knapp 15 Jahren auswendig nachsingen kann) Vorstellung für Vorstellung neu zu entdecken.
Manchmal frage ich mich, warum sonst noch niemand eine ähnlich verwegene stimmliche Neuinterpretation der Grafenrolle gewagt hat bzw. wagt. Natürlich sprechen solche Neuerungen nicht jedermann an, aber die Zeit geht nun einmal vorwärts und nicht zurück, und wir sollten alle versuchen dem Neuen offen gegenüberzustehen und ihm zumindest eine Chance zu geben.

Notiz am Rande: die Unstillbare Gier ist meiner Meinung nach nicht bei jeder Vorstellung Drew Sarichs Meisterstück in Tanz der Vampire, was sie ja für gewöhnlich für den Durchschnitts-Fan zu sein hat. Bei Drew Sarich ist allerdings schon das Gesamtpaket so beeindruckend, dass die Gier für mich nur ab und zu die zusätzliche Kraft hat, alles andere zu überragen. Das ist hier aber auch nicht immer notwendig, da eine Gier, die auch bei einer Drew Sarich-Krolock-Performance noch als außergewöhnlich gilt, eindeutig den Ausdruck "emotionaler Overkill" rechtfertigt.


Dies hier ist nur ein kurzer Ausflug zu einem kleinen Teil von einigen von Drew Sarichs dutzenden, feinen Krolock-Nuancierungen. Man könnte über jeden Abend, den dieser zum Vampir-Darsteller geborene Sänger so unüblich macht, einen Aufsatz schreiben. Der Versuch, einen Bericht über Drew Sarichs Leistung in diesem Stück abzugeben, ist wie ein Tropfen im Ozean – was aber ist ein Ozean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?
Wer am eigenen Leib erfahren möchte, wie es sich anfühlt von der Stimme und dem Schauspiel eines Musicaldarstellers Abend für Abend bis in die hintersten grauen Zellen auf die intensivste Art und Weise stimuliert zu werden, der sollte ihn sich unbedingt noch live im Ronacher in Tanz der Vampire anschauen und anhören - nur noch bis 27.06.2018!


Drew Sarich-Zitate aus dem Tanz der Vampire Programmheft 2017 und der ORF-Dokumentation Liebe auf den ersten Biss 2017

13.3.18

Singing Vampires meets Disney, Local

Und das Leben ein ewiger Kreis....

Wenn viele begabte Künstler bei einer Musicalproduktion aufeinandertreffen und neben ihrem Hauptengagement noch Zeit dafür finden, bei einer unabhängigen, aus dem Ärmel geschüttelten Gesangsgruppe aufzutreten, dann können solch außergewöhnliche Events wie das gestrige Singing Vampires meets Disney-Konzert entstehen (Zusatzkonzert, 12.3.2018).


Wer sich nicht von dem – für ein Konzert in sehr kleinem Rahmen – etwas stolzen Preis von €38,- abschrecken ließ, der hatte dieses Jahr schon zweimal die Möglichkeit beim Disney-Abend der Singing Vampires dabei zu sein. Die Mitglieder dieses phänomenalen Gesangsquartetts stehen derzeit alle in der Wiener Produktion von Tanz der Vampire auf der Bühne: Abla Alaoui (Cover Sarah), Floor Krijnen (Cover Rebecca), Charles Kreische (Herbert) und Christoph Apfelbeck (Covert Herbert).

Hier in ungefährer Reihenfolge das Programm des gestrigen Disney-Konzerts, das am einzigen Tanz der Vampire-freien Tag der Woche stattgefunden hat (Gedächtnislücken vorbehalten):

Ewiger Kreis aus Der König der Löwen – Quartett
Can you feel the love tonight – Christoph Apfelbeck
Hakuna Matata – Charles Kreische und Christoph Apfelbeck
Santa Fe aus Newsies – Charles Kreische
Endlich sehe ich das Licht aus Rapunzel – Abla Alaoui und Christoph Apfelbeck
If I never knew you aus Pocahontas – Floor Krijnen und Charles Kreische
How far I'll go aus Moana – Floor Krijnen und Abla Alaoui
In deiner Welt aus Arielle – Abla Alaoui
Under the Sea – Quartett
Poor unfortunate souls – Floor Krijnen
Let it go aus Frozen – Quartett
Hercules-Medley (Gospel truth und Zero to hero) – Quartett
Ich wär so gern wie du aus Das Dschungelbuch – Christoph Apfelbeck
Probier's mal mit Gemütlichkeit – Charles Kreische
Reflection aus Mulan – Floor Krijnen
When you believe aus Prince of Egypt – Floor Krijnen und Abla Alaoui
Reise durch die Zeit aus Anastasia – Abla Alaoui
A million miles away aus Aladdin – Abla Alaoui und Charles Kreische
Beauty and the Beast aus Beauty and the Beast – Floor Krijnen und Christoph Apfelbeck
Medley: Just around the riverbend aus Pocahontas – Floor Krijnen, Go the distance aus Hercules – Christoph Apfelbeck, Out there aus The Hunchback of Notre Dame – Charles Kreische
Neverland und Aladdin-Medley (u.a. A whole new world) – Quartett
Zugabe:
High School Musical-Medley (Breaking free, We're all in this together, Bop to the top) – Quartett

Schon alleine dieses Programm verleitet Musical-, Disney- und auch Dreamworks-Fans dazu, Luftsprünge zu machen – und wenn es dann auch noch von diesen Gesangstalenten erfolgreich realisiert wird, dann bringt so ein Abend abwechselnd das Herz zum Beben und die Augen zum Tränen. Unterstützt wurden sie von einer Live-Band (Schlagzeug, Bass, Gitarre, Piano), die ihr Talent zum Swingen in der vorzüglichen Jazz-Version von Probier's mal mit Gemütlichkeit und ihr Gespür für dramatisches Timing vorrangig bei allen Sololiedern von Floor Krijnen und bei der Filmversion von When you believe beweisen konnte.
Wem auch immer die finale Auswahl der jeweiligen Versionen der Disneylieder zugefallen ist – es wurde eine sehr gute Wahl getroffen: bis auf ein, zwei kleine Ausnahmen (z.B. die kommerzielle Version von If I never knew you) sind die gelungensten und stimmungsvollsten Versionen der jeweiligen Disney-Lieder bei diesem Konzert gesungen worden.
Für emotionale Überraschungen sorgten gestern die speziellen Arrangements für die jeweiligen Duette, Quartette und das Terzett: Wer kann ernsthaft behaupten, dass er Let it go live schon einmal vierstimmig gehört hat? Oder wer hätte es überhaupt für möglich gehalten, dass aus den drei verschiedenen Disney-Liedern – Just around the riverbend aus Pocahontas, Go the distance aus Hercules und Out there aus The Hunchback of Notre Dame – ein so exzeptionell gelungenes Medley geschrieben werden könnte?
Und selbst für den erprobtesten Disney-Fan war gestern vielleicht sogar etwas Neues dabei – wie für mich z.B. A thousand miles away aus dem Aladdin-Musical.

Die Singing Vampires – von denen jede Einzelne und jeder Einzelne auf seine Art und Weise glänzen konnte – haben es mit ihrem Disney-Abend wieder einmal bewiesen: Die berührendste Musik bekommt man meist an diesen außergewöhnlichen Konzertabenden zu hören, die für meinen Geschmack leider viel zu selten stattfinden.
Abla Alaoui konnte gestern als wahre Disney-Prinzessin brillieren; während Floor Krijnen nicht nur diese Seite von sich ausgelotet hat, sondern auch zeigen konnte, was für ein Talent sie dazu hat, ein Disney-Bösewicht zu sein (Poor unfortunate souls).
Charles Kreische und Christoph Apfelbeck haben bei ihren jeweiligen Sololiedern geglänzt, und konnten vor allem bei Hakuna Matata wieder einmal beweisen, mit welcher Leichtigkeit sie ihr Publikum zum Lachen bringen können.
Und wann immer im Quartett gesungen wurde, dann schienen sich die gemeinsamen Harmonien von selbst zu ergeben und es war eine reine Freude den Singing Vampires dabei zuzuhören.
Ich hoffe, es ergibt sich noch einmal so ein außergewöhnliches, berührendes Konzert in dieser gelungenen Konstellation!

16.2.18

Thomas Borcherts Tanz der Vampire Dernière, Ronacher

„Seid ihr......bereit?“

War die Vorstellung von Tanz der Vampire am 15.02.2018 im Wiener Ronacher nun wirklich die letzte mit Thomas Borchert in der Rolle des Graf von Krolock?
Ganz genau kann das außer Thomas Borchert wohl niemand sagen, auch wenn auf seiner Homepage im letzten Jahr die offizielle Meldung erschien, dass er diese Rolle "in Wien das letzte Mal und danach nie wieder" spielen würde. Aber vielleicht will es auch einfach der begeisterte Grafen-Fan noch nicht wahrhaben, dass dies das Ende einer Ära ist.
Eine Ära, die 2003 begonnen hat: in dem Jahr, in dem Thomas Borchert erstmals die besagte Rolle übernahm – und im Lauf des letzten Jahrzehnts hat er sie unbestreitbar maßgeblich geprägt.
Kleines Beispiel: Wo wären wir heute ohne die Idee, dass wir die "KETTEN" die wir in der Unstillbaren Gier nicht mehr loswerden, frei variieren können? Ich weiß nicht, ob der ursprüngliche Einfall, diesen kurzen Part so pointiert anders als er geschrieben wurde zu singen, von Thomas Borchert kam, aber auf alle Fälle hatte die neue Gesamtaufnahme von Tanz der Vampire (Ronacher 2009), bei der er diese freie Variation voll und ganz ausgenutzt hat, einen fundamentalen Einfluss auf alle deutschsprachigen Produktionen, die ich seither gesehen habe.
Thomas Borcherts Variier-Freudigkeit bekommt man in jeder Minute, die er auf der Bühne steht, zu hören und zu sehen. Für die letzten Produktionen von Tanz der Vampire, bei denen er die Grafenrolle übernommen hatte, hat er sich zusätzlich zu seinen schon länger bestehenden Ideen für die musikalische Interpretation noch ein paar kleine Extras überlegt, wie z.B.:
  • das "Nichts" in Gott ist tot ("wenn ich dich rufe, hält dich nichts mehr zurück") mit tiefer Stimme auf die durchdringendste Art und Weise zu sprechen statt zu singen, was bei mir jedes Mal für einen unglaublichen "Gänsehautmoment" gesorgt hat.
  • mit ähnlich großer Wirkung die "Sicherheit" in Einladung zum Ball ("doch du hast immer schon geahnt, dass ihre Sicherheit ein großer Schwindel war") mit triefender Verachtung und unglaublichem Spott auszusprechen (statt zu singen), was dem Charakter des Grafen mit einem Schlag zusätzliche Tiefe verliehen hat.
  • bei Vor dem Schloss nach "von der Krankheit der Traurigkeit kann es keine Erlösung geben" einige perfekt bemessene Momente in Gedanken versunken ins Leere zu starren und sein eigenes Leid mit einem seelen-zerreißenden Seufzer zu beklagen.
  • die plötzliche Entlarvung der Sterblichen während der Tanzszene in Tanzsaal mit einem knochentrockenen "Soso..." zu kommentieren.
Diese Beispiele zeichnen nur ein kleines Bild dieser facettenreichen Rolle, die Thomas Borchert Abend für Abend für sich und vor allem für sein Publikum neu zu entdecken schien bzw. neu erfand.
Das letzte Beispiel beweist für mich nur allzu deutlich, wie gekonnt Thomas Borchert hier seine Begabung als wandelbarer Künstler in dieser Rolle eingesetzt hat: Ich bezweifle, dass ich bei einem anderen Grafen-Darsteller einen Charakterzug, der die Hauptfigur, in egal welcher Szene, dazu veranlasst die Worte "Soso..." mit hochgezogenen Augenbrauen auszusprechen, als passend empfinden würde. Viele dieser charakterlichen Eigenheiten, die Thomas Borchert dem Grafen angedacht hat, würden bei anderen Hauptdarstellern nur schwerlich funktionieren.
Natürlich hatte Thomas das Glück, 15 Jahre lang (on and off) an der Interpretation dieser speziellen Rolle basteln zu dürfen, was ihm einen großen Vorsprung gegenüber anderen Kollegen verschafft hat, die die Grafenrolle erst wenige Male spielen bzw. erst vor Kurzem für sich entdecken durften.
Das Spannende – dass ich oben bereits kurz erwähnt habe – ist allerdings, das Thomas Borchert nie stillgehalten hat. Er hat sich nie in einer Interpretation festgefahren; er hat dem Grafen von Produktion zu Produktion eine weitere Facette hinzugefügt. Das heißt nicht, dass seine Interpretationen je die Aussicht darauf gehabt hätten, vollkommen zu sein.
Weit gefehlt: Thomas Borcherts Graf hat sich durch seine Wandlungsfähigkeit ausgezeichnet. Oft wusste ich von Vorstellung zu Vorstellung als Zuschauer nicht, welcher Charakterzug heute stärker hervortreten würde: der Schelm, der Verführer, der vom ewigen Leid Gemarterte oder der Skrupellose, der für das Erreichen seiner Ziele über Leichen geht.
Doch egal welchem Charakterzug er für mich entsprochen hat, auf der Bühne hat Thomas Borcherts Graf immer alles im Griff gehabt (außer natürlich bei der Gier, aber das ist eine eigene Geschichte) – und er hat sein Publikum unzweifelhaft in jeder Sekunde in den Bann gezogen.

Thomas Borcherts Tanz der Vampire Dernière war ein grandioser Abschluss der Spielzeit dieses Ausnahmekünstlers, der uns auf seine spezielle Art und Weise – oft nur durch einen Gesichtsausdruck oder durch eine einzelne Geste – zum Lachen brachte, den Atem anhalten ließ oder zu Tränen rührte und (ich kann es nicht oft genug betonen, denn das ist es was seinen Grafen so außergewöhnlich gemacht hat) nahezu von Abend zu Abend überraschte!
Meine Lieblingsszene in Tanz der Vampire ist Vor dem Schloss: 1. weil dies die einzige Sequenz ist, in der der Graf eine offizielle Sprechrolle hat – hier kann er so richtig zeigen, was er "außer Singen sonst noch draufhat" – und 2. weil es die einzige Szene ist, in der unsere "Helden" mit dem Antagonisten von Angesicht zu Angesicht reden können, ohne sich fürchten zu müssen gleich gebissen zu werden (ergo: Story- und Character-Building).
Thomas Borchert hat sich bei seinem letzten Auftritt als Graf von Krolock gestern in meinem Gedächtnis damit verewigt, dass er bei Vor dem Schloss
  • nach seinem Sinnen über sein trauriges Leben nicht nur einmal, sondern gleich zweimal herzzerreißend theatralisch geseufzt hat – bis er endlich Applaus dafür bekommen hat.
  • sich für einen Moment selbst nicht sicher zu sein schien, ob sein Schloss wirklich aus dem "späten 13. Jahrhundert" stammt (wie vom Professor angenommen) und es deshalb selbst erst einmal mit neu erwachten Interesse eingehend in Augenschein nehmen musste.
  • von Professor Abronsius Identität derart enthusiastisch (um nicht zu sagen: sarkastisch) begeistert war, dass man meinen könnte, er würde einen seiner über-enthusiastischen Fans an der Bühnentür nachmachen.
Zusätzlich zu diesen schauspielerisch genialen Häppchen, die wieder einmal Thomas Borcherts komödiantisches Talent bewiesen haben, war sein "Befrein" am Ende von Vor dem Schloss ("wird deine Liebe Leben sein und dich befrein") schon immer – und so auch an diesem Abend – etwas ganz Besonderes: ein Ton, der wie eine immer stärker werdende Energiesparlampe langsam alle Ecken des Theaters ausgefüllt hat, bis der Zuschauerraum zum Bersten mit Energie und jedes einzelne Haar bis in die Spitzen mit Elektrizität gefüllt war.
Bei manchen Vorstellungen von Tanz der Vampire mache ich mir Gedanken über diesen Ton (wird er auch heute das Theater bis zum Bersten ausfüllen? wird er dieselbe Energie erzeugen?). Nicht so bei Vorstellungen mit Thomas Borchert, denn er scheint in diesem Crescendo zu wohnen, in dieser Begeisterung, die das Leben zu bieten hat. Und so war es auch gestern – das letzte "Befrein" hat alles getoppt, was ich bis dahin in Vor dem Schloss gehört habe.

Aber nicht nur spezielle Szenen in Tanz der Vampire gehen mir besonders nahe, sondern auch bestimmte Songs, wie z.B. die Unstillbare Gier – aus ganz einfachen Gründen: weil sie den psychologischen Höhepunkt der Hauptfigur in diesem Stück bildet und weil sie eine der schönsten Komposition von Jim Steinman ist.
Thomas Borchert hat es allerdings gestern zum ersten Mal seit einigen Monaten geschafft, mich bei dieser Szene zu Tränen zu rühren. Er hat noch einmal alles in diese 7-8 Minuten hineingesteckt: all das Leid, die Wut, die Verzweiflung und die Verachtung.
Das Intro sowie die erste Strophe dieser speziellen Gier hat er unglaublich sanft und verletzlich angesetzt (anders als seine bisherige Herangehensweise an dieses Lied) und erst bei "wie immer wenn ich nach dem Leben griff" mit vollem Stimmvolumen gesungen.
Alle langen Töne am gegen Ende der Gier hat er umwerfend ausgekostet und wie bei jeder Vorstellung – aber diesmal durch die geschärfte Aufmerksamkeit des Publikums, das über seinen letzten Auftritt informiert war, noch eindrucksvoller gemacht – jedem einzelnen Besucher mit einem Hauch von eiskaltem Hohn die Tatsache vor Augen geführt, dass die Gier unser einzig wahrer Gott ist. Diesen Abschnitt der Gier hat Thomas Borchert bei jeder Vorstellung, der ich beiwohnen konnte, so bestechend gesungen bzw. gesprochen, dass ich bei ihm immer das Gefühl hatte, sein Graf möchte jedem Einzelnen von uns klar machen, auf welch schiefer Ebene wir uns Richtung Abgrund bewegen.*

Der Musicaldarsteller Thomas Borchert hatte für mich schon immer etwas "Grafenhaftes" und Respekteinflößendes an sich, was wohl großteils an seiner Rollenauswahl liegt: Graf von Monte Christo, Graf Dracula, Graf von Krolock, Jekyll/Hyde...
Thomas Borchert hat all diesen Grafen und/bzw. Monstern ein "musicalisches" Leben eingehaucht; hat ihnen eine Stimme verliehen und somit die deutschsprachige Musicalwelt in Richtung "Monster und Mysterien" erweitert. Aber was noch wichtiger ist: er hat mitgeholfen, ihnen menschliche Eigenschaften zu verleihen, und diesen dadurch um viele Facetten reicher gewordenen Figuren den Zugang zu den Herzen der Menschen erleichtert.
Ich glaube, es wird einige Zeit vergehen, bis ich bei "Seit ihr....bereit?" (Tanzsaal) – sowie bei einigen anderen Sequenzen in Tanz der Vampire – in unbedachten Momenten eine andere Stimme als die von Thomas Borchert hören werde.


*Da der Graf aber natürlich keine Figur mit moralischer Vorbildwirkung ist, geht auch der belehrende Sinn der Unstillbaren Gier in dem frenetischen Applaus, der jeder Darbietung dieses Liedes folgt (und im Prinzip nur die Interpretation würdigt und nicht die Botschaft) eigentlich immer verloren – und daran konnte nicht einmal Thomas Borchert viel ändern, da dies einfach ein Story-technisches Manko von Tanz der Vampire ist.

23.11.17

CD Review Bat out of Hell The Musical – Jim Steinman

The Beat Is Yours Forever

Ich habe gestern endlich meine Bat out of Hell - The Musical-CD bekommen, die schon seit Sommer auf dem internationalen Markt ist, in Europa bis heute aber leider nur von sehr exklusiven Musikhändlern vertrieben wird.
Aber das Warten und sogar der hohe Preis haben sich gelohnt, vor allem weil den Doppel-CDs ein traumhaft schönes Booklet mit den gesamten Lyrics beiliegt, was bei Musical-CDs heutzutage leider nur noch sehr selten vorkommt.


Bat out of Hell - The Musical ist das, was das We will rock you Musical hätte sein können, wenn sich Zweitgenanntes selbst ein bisschen ernster genommen hätte.
We will rock you lässt sich hier als ein sehr passender Vergleich heranziehen, weil die Musik dieser beiden Musicals derselben Ära und demselben Genre entstammt. Aber während Drehbuchautor Ben Elton die Musik von Queen in We will rock you in das Genre eingeführt hat, das ihm am vertrautesten ist - der Komödie -, hat Rock-Urgestein Jim Steinman bei allen Bat out of Hell-Alben seit 1977 das Steuer nie freiwillig aus der Hand gegeben und ist seinen Idealen bis heute treu geblieben.
Bat out of Hell - The Musical ist Jim Steinmans erste erfolgreiche Realisierung seine Musicalidee aus dem Jahr 1977: Neverland 
Peter Pan has always been about my favorite story and I've always looked at it from the perspective that it's a great rock and roll myth because it's about—when you get right down to it—it's about a gang of lost boys who never grow up, who are going to be young forever and that's about as perfect an image for rock'n'roll as I can think of.  
Das Skript des neuen Musicals sowie alle Texte stammen von Steinman selbst, weshalb die Musik nicht wie jene von We will rock you in eine weit von unserer Realität entfernten Welt versetzt worden ist, sondern - trotz ihrer dystopischen Grundidee - tief in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist. Die Rock'n'Roll-Lebensphilosophie der 70er, 80er und teilweise auch der 90er bilden die Grundlagen von Bat out of Hell - The Musical - man kann sie jede Sekunde spüren.
Zusätzlich dazu, dass Steinman dem Rockergenre des vergangenen Jahrhunderts nie entwachsen ist, war bei der Entstehung dieses Musicals sicherlich auch der Umstand hilfreich, dass das originale Bat out of Hell-Album aus 1977 bereits einen kompletten Songzyklus, der eine zusammenhängende Geschichte erzählt, enthalten hat.
Interessant ist, dass das Musical selbst mit dem letzten Lied des originalen Albums beginnt - die Geschichte des jungen verunglückten Bikers, der sich im Sterben liegend an sein Leben erinnert, wird also nicht wie bisher in Rückblenden erzählt, sondern in chronologischer Reihenfolge.
Welche neuen Storyelemente das Musical bedient, die bisher nicht in Jim Steinmans beiden Bat out of Hell-Alben erzählt worden sind, weiß ich noch nicht (darüber werde ich erst mehr erfahren, wenn die bereits angekündigte Wiederaufnahme des Musicals in London 2018 stattfinden wird). Zusätzlich zu Liedern aus den ersten beiden Bat out of Hell-Zyklen sind dem Musical auch eine kleine Auswahl von Songs aus dem dritten Bat out of Hell-Album (2006) beigefügt worden, bei dem Steinman nicht mehr als Produzent agiert hat.
Sehr vorhersehbar war, dass I would do anything for love die finale Rock-Symphonie bildet, die von allen Darstellern gemeinsam gesungen wird. Es ist also gut möglich, dass sie wie Bohemian Rhapsody in We will rock you bereits außerhalb des Stücks steht und ‘nur noch’ als Zugabe gesungen wird.
Die Texte aller Lieder sind zu 95% original übernommen worden.
Auffallend sind bei allen Bat out of Hell - The Musical Liedern vorrangig die deutlich angehobene Frauenquote, und dass ein volles Orchester die obligatorische Rockband unterstützt.
Die Besetzung des Musicals ist phänomenal gewählt: An der Spitze einer Riege von außergewöhnlichen Stimmtalenten stehen sich Andrew Polec als Wasted Youth und Rob Fowler als ein Vertreter der Who needs the Young?-Generation gegenüber.
Wer sich ein Bild von diesen beiden Ausnahmetalenten verschaffen will, dem empfehle ich einerseits natürlich dem Titellied, aber auch unbedingt In the land of the pig the butcher is king seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Gemeinsamkeiten mit meinem Lieblingsmusical Tanz der Vampire (Musik ebenfalls von Steinman) hat Bat out of Hell - The Musical folgende: Die Melodie von Who needs the Young aus dem 1. Akt ist das Hauptthema von Die Gruft und im 2. Akt kommt Objects in the rear view mirror - ergo: Die unstillbare Gier - in seiner Gesamtheit vor.
Genau wie Tanz der Vampire ist das gesamte Musical zum Bersten gefüllt mit Energie, die bei diesen rockigen Liedern auf Anhieb überspringt. Jim Steinman-Musicals enthalten pures Leben für mich!

Besorgt euch diese Musical-Aufnahme, liebe Jim Steinman-Fans, und haltet die Daumen dafür gedrückt, dass das Musical bald wieder zurück nach Europa kommt.
Think of how we lay down together
We'd be listening to the radio so loud and so strong
Every golden nugget coming like a gift of the gods
Someone must have blessed us
When he gave us those songs

Update: Wer mehr über das Musical erfahren möchte, kann bei Handlung Vorlage, Sprache, Themen und bei Pro & Contra, Dominion Theatre London weiterlesen.

Jim Steinman-Quote: jimsteinman.wikia.com/wiki/Neverland